Der Puff ist jetzt eine Galerie

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Ein Einblick in »Berlin-Wedding – Das Fotobuch«, erschienen im Tagesspiegel »Berliner« 01/2017

Text: Daniel Erk

Als sich Axel Völcker vor einigen Jahren eine Gartenbank bei dem Besitzer der Kneipe im Erdgeschoss seines Wohnhauses leihen wollte, fand er sich plötzlich in einem sonderbaren Nebenraum wieder: Sonnenuntergangstapete über die ganze Wand, imposantes Doppelbett, viel Rosa im Raum, an der Wand ein Waschbecken. »Was ist denn das hier?«, fragte er Wolle, den Wirt. »Na, wat denkst du wohl?«, fragte der zurück.Es wurde klar: Das Café Morena in der Malplaquetstraße hat eine bewegte Vergangenheit. …

Mittlerweile stellen in den Nebenzimmern junge Künstler ihre Werke aus. Axel Völcker und Julia Boek können zahllose solche Geschichten aus dem Wedding erzählen. Im Grunde handeln sie immer davon, wie hier etwas klappt, was nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit eigentlich nicht klappen sollte. Es waren die vor der Haustür herumliegenden Geschichten, die die studierte Ethnologin und Journalistin Julia Boek und den Art Director Axel Völcker vor zehn Jahren dazu brachten, das Magazin »Der Wedding« herauszubringen. Ein kluges, schönes Heft über einen Ortsteil, ohne dabei Lokaljournalismus zu machen, das war revolutionär. »Zwei Enthusiasten des schauenden Denkens, furchtlos und mit Zärtlichkeit unterwegs im Herzen des Prekariats«, jubelte der »Spiegel«. »Die Macher vom ›Wedding‹ gehen dahin, wo’s weh tut, verzichten aber bei ihren Reportagen auf ironische Brechung«, lobte der »Deutschlandfunk«. »Für uns ist der Wedding ein Abbild der Welt, aber in Miniatur«, sagt Boek. Fünf Ausgaben von »Der Wedding« erschienen zwischen 2008 und 2013, dazu ein Magazin über die Müllerstraße, eins über »Afrika im Wedding« und ein Sonderheft namens »Die Gelben Seiten des Wedding«, ein Wegweiser durch Bars, Pinten und Restaurants. Völcker und Boek gewannen mit ihrem Projekt, was man nur gewinnen konnte: wurden 2010 zum »Besten unabhängigenMagazin Deutschlands« gekürt, gewannen 2012 den Deutschen Designpreis in Silber und 2013 den renommierten Werbepreis ADC in Bronze.

Dann wandten sie sich neuen Aufgaben und Projekten zu, entwickelten Magazine für große Verlage, gestalteten Bücher, schrieben Reportagen und merkten irgendwann: So ganz durch mit dem Wedding waren sie noch nicht. Man kann’s verstehen: Auf eine unspektakuläre Art ist der Wedding der vielleicht interessanteste Stadtteil Deutschlands. Er schafft ein Kunststück, das weder Kreuzberg noch Neukölln, nicht Hamburg-Harburg undnicht Duisburg-Marxloh schaffen. Er ist weder das angesagte Viertel, in das alle drängen, noch der Problemkiez, der politisch für allerlei Kampagnen herhalten muss, ohne wirklich Verbesserungen zu erleben. »Natürlich gibt es noch die alten Weddinger, die oft etwas derb, aber sehr herzlich sind«, sagt Boek. »Aber es gibt auch den jungen Weddinger, der sich mit seinem migrantischen Background ganz selbstverständlich in diesem Melting Pot bewegt und dazugehört.« Anders als in anderen Ortsteilen mit hohem Migrantenanteil gibt es im Wedding keine dominante Gruppe. Kreuzberg ist türkisch, Neukölln arabisch. Der Wedding aber ist türkisch, arabisch, thailändisch, ghanaisch, polnisch, russisch und griechisch. Anders gesagt: Hier sind alle in der Minderheit. »Der Wedding ist ehrlich und rau« sagt Boek. »Man muss viel sprechen, um zueinander zu finden, weil es sehr unterschiedliche Positionen gibt.« Und genau das sei der Vorteil: »Es heißt immer, dass das Zusammenleben mit vielen Kulturen und Religionen erst noch erprobt werden muss.

Aber im Wedding findet das längst statt, und das nicht erst seit gestern.« Der Fotoband »Der Wedding«, an dem Völcker und Boek gemeinsam mit der renommierten Fotoagentur Ostkreuz und weiteren Fotografen arbeiten, beantwortet gleich zwei Fragen. Einerseits, was den Wedding ausmacht. Und andererseits, was man von ihm möglicherweise lernen kann. Zum Beispiel? »Wie wir in Zukunft miteinander leben wollen, angesichts von Migration«, sagt Völcker. »Dafür ist der Wedding ein super Beispiel.« Um den Wedding in seiner Vielfalt zu erkunden, hielt sich Annette Hauschild tagelang in einer Kneipe auf, ehe sie ihre Kamera mit an den Tresen brachte. Dorothee Deiss baute in einer Kinderarztpraxis ein kleines Studio auf und fotografierte Eltern und Kinder. Espen Eichhöfer hat sich auf die Spuren des »Black Wedding« begeben und Ina Schoenenburg die unterschiedlichsten Menschen zu Hause besucht. Mit den insgesamt 16 Fotoserien, die in »Der Wedding – das Fotobuch« vereint werden, verhält es sich ein bisschen wie mit dem Bezirk selbst: Jede repräsentiert eine Facette, keine steht für das Ganze. Alle zusammen aber ergeben ein Gesamtbild, auch wenn es unübersichtlich und widersprüchlich bleibt – so wie der Wedding.

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Annette Hauschild, aus der Serie über »Weddinger Stammkneipen«

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Tobias Kruse, Serie: »Wild wuchs im Wedding der Wein«

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Espen Eichhöfer, aus der Serie »Black Wedding«

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Dorothee Deiss, aus der Serie »Weddings Kinder«

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Hendrik Lietmann, aus der Serie »Die Müllerstrasse – Der Ku’damm des Nordens«

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Heinrich Völkel, aus der Serie »Nachtstücke«

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Frank Schirrmeister, aus der Serie: »Gentrification Wedding«

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Ina Schoenenburg, aus der Serie: »Zuhause im Wedding«

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