Maul halten und Drink ausgeben

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Die Weddinger Tresen-Reportage, erschienen im zitty Spezial “ESSEN GEHEN” 2014/2015.

Hertha-Fans trinken Feierabendmolle, US-Expats selbst gebrautes Craft Bier, Studenten Ein-Euro-Futschi und junge Araber Tee und Limonade in der Shisha-Bar – die Kneipen im ehemaligen Arbeiterbezirk Wedding sind heute vielseitiger denn je. Eine teilnehmende Beobachtung 

von Julia Boek

Gähnende Leere im Schinken. Nur wenige Gäste, darunter zwei ergraute Herren mit Hertha-Schals und qualmenden Zigarillos zwischen den Fingern, sitzen gegen 20 Uhr am Tresen der Altberliner Kneipe in Berlin-Wedding. Darüber baumelt ein grinsender Clown, Partyhits dröhnen aus den Lautsprechern, die neongelben Fadengardinen vor den Fenstern vibrieren leicht. Setze mich auf einen freien Hocker an den Kneipentresen und denke, dass hier heute noch was gehen könnte.

Trank der Lohnarbeiter im roten Wedding seine Feierabendmolle traditionell am Eckkneipentresen, verschwanden die proletarischenWohnzimmer Anfang der 90er-Jahre mehr und mehr ausdem Straßenbild, nachdem bei Osram, AEG und Rotaprint dieLichter ausgegangen waren. 25 Jahre später ist die Trinkkulturin Berlin-Wedding aber vielfältiger denn je: Wäre der Weddingein Getränk, wäre er wohl eine aromatische Bowle, von derZugezogene, Alteingesessene, Migranten, Künstler und Studenten gleichermaßen trinken.

„Zickenzone: Finger weg, Maul halten und Drink ausgeben!“, steht auf dem Schild am Zapfhahn geschrieben. Dahinter zapft Betsen, langer blonder Pony, kurz geschorener Hinterkopf und vom Typeher Kumpel als Zicke, halbe Schultheiss vom Fass. „Wat willste trinken?“ Sie reicht die Getränkekarte, auf der Bier, Kurze und Longdrinks wie „Blutender Hirsch“ (Jägermeister mit Kirsch-Nektar) oder „Gletscher“ (Wodka mit Fanta) stehen. Beeindruckt von derartiger Naturgewalt bestelle ich erst mal einen Campari Orange.

20.30 Uhr

Um 20.30 Uhr erzählt Betsen, dass sich ihre Eltern, gebürtige Berliner, auf dem 285 Meter hohen Betzenberg in Kaiserslautern kennenlernten, der ihr Namenspatron wurde. Die Barfrau ist müde und reibt sich die Augen, unter denen dunkle Ringe schimmern. Bis zum Morgengrauen hat sie – die Hütte voll mit Studenten – Biere gezapft und Futschis (Cola mit Weinbrand) über den Tresen geschoben. Der Schinken hat ein Herz für Studenten. „Die sind freundlich und machen nichts kaputt“, sagt Betsen. Gegen Vorlage des Studentenausweises erhalten sie 20 Cent Rabatt auf jedes Getränk und den Futschi sogar für nur einen Euro. Heute sind aber noch keine Studenten da. „Der Schinken ist eine Wundertüte“, sagt Betsen, „du weißt nie, wer kommt und wie der Abend wird.“ „You’re my heart, you’re my soul“, dröhnt es gegen 20.45 Uhr aus den Boxen. Ich nehme einen großen Schluck aus meinem Glas und frage den Mann mit dem blau-weißen Schal neben mir, wie Hertha heute gespielt hat. „Wat?“, sagt der Mann mit dem runden Gesicht und den großen Augen und zuckt mit den Schultern. Auf so viel Berliner Temperament fällt mir nichts mehr ein. Trinke meinen Longdrink ex und bestelle den nächsten. Die freien Barhocker am Tresen haben sich nach und nach mit Gästen gefüllt. Ela, hübsche braune Locken und miese Laune, Tango-Martin, feiner Trenchcoat und geschürzte Lippen, und „der Bremer“ werden von Betsen mit einem schwungvollen „Hallöchen“ begrüsst.

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20.55 Uhr

20.55 Uhr, der Mann mit dem Schal hat Mitleid mit der Reporterin. Ich bekomme seine Hertha-Dauerkarte unter die Nase gehalten: Detlef von Känel steht darauf. Staune über das Adelsprädikat meines Gegenübers. „Ick bin Anjehöriger eines Raubrittergeschlechts“, sagt Detlef. Darauf ein Schlückchen. Verbrüderung am Tresen. Ach Berlin, du Perle an der Spree. Der Raubritter erzählt: Mutter Schweizerin, Vater Ostberliner. Aufgewachsen am Zionskirchplatz, zog es ihn, den Vierzehnjährigen mit dem Schweizer Pass, immer wieder über die Grenze in die Tegeler Straße zu Oma. Die wohnte über dem Fuchsbau, einer Kellerkneipe, „in der immer doll die Post abging“.
Damals im Wedding, als es Kneipen und Lohnarbeit noch an jeder Straßenecke gab, die Portemonnaies voll und die Mieten billig waren und die mit Kohleschleppen verdienten Pfennige nach Feierabend auf den Kopf gehauen wurden. „Die Siebziger und Achtziger waren klasse“, sagt Detlef und die Köpfe am Tresen nicken. „Is allet schlechter jeworden, seitdem se die Jrenze nach Osten uffjemacht haben“, berlinert es aus einer Ecke und der Tresen nickt wieder. Um 21.30 Uhr zeigt Detlef auf sein Telefondisplay. Die Fotografie eines schneebedeckten Berges ist zu sehen. „Dit is ’en 4.000er, der dritthöchste Berg der Berner Alpen.“ Detlef nickt ehrfürchtig. Mit seinem Enkelsohn war er „oben“. Darauf gönnt er sich jetzt erst mal einen „Gletscher“. Ich habe inzwischen auch den Stimmungsgipfel erreicht, zeige an die Bardecke und rufe: „Warum hängt denn hier kein Schinken?“ Der Tresen denkt nach. Einer mit Zigarette in der Hand sagt: „Der wäre hier sogar geräuchert!“ Lautes Gelächter – ich lache am lautesten. Jemand hat die Jukebox gefüttert. Cliff Richard schmettert: „Rote Lippen soll man küssen.“ Der Tresen singt mit.
Um 22.30 Uhr habe ich das dritte Glas geleert und denke an Aufbruch. Vorher aber will Petra, die schon einige „Schulle“ intus hat, mir noch ein paar Sätze für die Zeitung diktieren. „Bierchen, Zigarette und labern: Dit is Berlin!“, lallt sie los, die halb geschlossenen Augenlider hängen dem Gesagten nach. Kurz darauf feuern Wortsalven aus ihrem Mund. Höre Wortfetzen wie „Scheißdönerbuden“ und „deutsche Kneipentradition“. „Lasst uns unsere Kultur!“, sagt Petra und wankt zur Jukebox. Ich denke, dass Petra Angst hat, ihre Stadt zu verlieren. Udo singt: „Hinterm Horizont geht’s weiter.“ Draußen schüttet es in Strömen. Ich rieche in der frischen Abendluft streng nach Zigarettenqualm.

Um 23.15 Uhr gibt es in der Vagabund Bar keine Sitzplätze mehr, was sich als ungünstig erweist, weil sich Longdrinks und Frischluft stark auf den Gleichgewichtssinn auswirken. Auch ist das Licht viel zu grell. Ich überspiele meinen Schwips mit kraftvollen Schritten und stolziere an die Bar. Muss erst mal die Lage sondieren. Hinter dem Tresen zapfen zwei junge Männer Bier im Akkord. An den weiß gekalkten Wänden über der Bar hängen Kreidetafeln, auf denen Craft-Bier-Sorten wie „Vagabund Pale Ale“ und „Pyraser Rotbier“ in Schönschrift angepriesen werden, das 0,3 Liter-Glas für je 2,90 Euro. Schätze das Alter der meisten Biertrinker auf Ende der Regelstudienzeit, also auf Mitte, Ende 20 Jahre. An einem Tisch feiern Jurastudenten Geburtstag, die Gäste haben sich – Jackett, Pumps und ondulierte Haare – chic gemacht. Das Vagabund gibt sich international, man feiert gutes, handwerklich gebrautes Bier und dabei auch ein bisschen sich selbst. 24 Uhr. Habe mich aufgrund des internationalen Flairs für ein alkoholfreies Bier entschieden und versuche, den vielen Rücken am Tresen Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. Doch reagiert niemand, so dass ich kurz Raubritter Detlef vermisse.
Endlich passiert etwas: Um 0.20 Uhr kommt kein Bier mehr aus dem Zapfhahn. Ich begleite Barkeeper Tom in den Keller, wo er ein neues Fass anschließen will. Staune, was drei US-Amerikaner aus einem Berliner Kohlenkeller machen können, nur weil ihnen das Bier hierzulande nicht schmeckt. Dort, wo früher Kohlenberge vor sich hin rußten, lagern jetzt blank polierte Fässer auf staubfreiem Boden. Mehrere Kühl- und Bierleitungen ziehen sich durch die Decke in die Zapfanlage nach oben. Frage Tom, der ein neues Fass an die Zapfleitung klemmt, warum er Bier braut. Tom ist tagsüber Kita-Erzieher in Berlin-Mitte. In Maryland hat er Journalismus studiert und Bier getrunken, gemeinsam mit Matt, dem zweiten Vagabund-Gründer und Kita-Erzieher. Zwei Jahre lang standen die Schulfreunde und ein Dritter in der Berliner Küche und brauten im Glühweinkocher Bier, das immer besser schmeckte. „Das ist wie Suppe kochen“, sagt Tom.
Die Wahlberliner fanden das Ladenlokal in der Antwerpener Straße, renovierten es aufwendig und richteten Brauerei und Schankraum ein. 2013 eröffneten sie die Vagabund Bar und brauen seitdem etwa 400 Liter Bier pro Woche. 0.30 Uhr 0.30 Uhr.

Ich bin wieder oben, doch mein Alkoholpegel ist noch im Keller. Ordere einen Chardonnay und höre Dara, Eurythmie- Tänzerin aus Portland, beim Gespräch mit dem Barkeeper zu. Dara hat Heimweh. Die Ausländerbehörde hat ihre Aufenthaltsgenehmigung bis 2017 verlängert, so viel Gastfreundschaft verwirrt sie. Ich könnte ihr jetzt sagen, dass ich mich hier in Berlin auch nicht heimisch fühle, entscheide mich aber dagegen. Der Weißwein hat mich in eine gute Zuhörerin verwandelt. Dara erzählt, dass es an der Ostküste viele kleine Privatbrauereien gibt, während die Westküste etablierte Biersorten trinkt. Die Einrichtung der Vagabund Bar mit den zu Tischen umfunktionierten Türen, den Bänken und Kreidetafeln findet sie typisch amerikanisch. Ich lasse den Blick durch die Bar schweifen und entdecke eine Überwachungskamera über dem Kühlschrank. Werde also beim Trinken beobachtet. Wie soll denn da Stimmung aufkommen? Dara winkt ab: „In den USA ist das völlig normal.“ Ich zahle und verlasse die Vagabunden.

1.05 Uhr

Um 1.05 Uhr rumort mein Magen, weil ich – dumm wie ein Teenager vor dem ersten Kater – Schnaps, Bier und Wein durcheinandergetrunken habe. Überlege, erst mal eine fettreiche Grundlage zu schaffen und laufe bei strömendem Regen, begleitet vom Sound der Polizei-Sirenen, zu Hakikis Grillstation in die Müllerstrasse. Einen Döner mit alles später betrete ich das Shisha Café Salam in der Gerichtstraße, an dessen Fensterscheiben wie in einer Backstube die Feuchtigkeit kondensiert. Warum die Männer am Eingang mich grimmig angesehen haben, wird drinnen klar. Auf etwa zehn schwarzen Ledersitzgarnituren sitzen Shisha rauchende Männer türkischer und arabischer Herkunft in trübem Licht. Süsslich riechende Rauchwolken stehen über den Tischen, an denen sich die Mittzwanziger unterhalten und Brett- und Handyspiele spielen. Frage den jungen Mann hinter dem riesigen Tresen, auf dem Obstschalen mit Bananen und Äpfeln stehen, wo die anderen Frauen bleiben. „Frauen sind willkommen“, sagt er, „es kommen nur keine.“

Ali, T-Shirt, Jeans, liebe Augen, fragt, was ich trinken möchte. Er zeigt auf den Samowar, den Mixer für Bananen- und Erdbeershakes und den mit Limonade, Energydrinks, Kakao und Erdbeermilch gefüllten Kühlschrank. Ich denke, das wird ein eher kurzer Besuch. 1.40 Uhr Gegen 1.40 Uhr habe ich von Ali gelernt, dass die orientalische Wasserpfeife in arabischen Ländern meist im Kreise der Familie und im eigenen Wohnzimmer geraucht wird. Das hallenartige Weddinger Wohnzimmer mit den in Brusthöhe rot gestrichenen Wänden und gesprenkelten Bodenfliesen erscheint mir im Vergleich dazu sehr ungemütlich. Habe dennoch das Gefühl, diesen Ort schon mal betreten zu haben. Ali weiß, dass das Salam früher ein Schleckermarkt war. Mir fällt ein, dass ich dort, wo sich gerade die feixenden Jugendlichen mit dem Handy fotografieren, früher Zahnpasta gekauft habe. 2 Uhr. „Hey Bruder“, der Mann mit dem tief ins Gesicht gezogenen Basecap knallt ein paar Münzen auf den Tresen, um Shisha, Energydrink und Snickers zu bezahlen. Ali verzieht keine Miene und rechnet alles im Kopf zusammen. „Selam aleikum – Aleikum selam.“ Reiche Ali zum Abschied die Hand.

2.15 Uhr

2.15 Uhr. Brause und Döner nach Mitternacht machen müde. Also schnell nur noch auf einen Absacker in die Smaragdbar. In der Pankstraße entlässt eine Puffmutti ihren Freier schulterklopfend in den Regen. Vor einem Späti in der Prinzenallee hat sich eine kleine Gesellschaft eingefunden. „Halt’s Maul, ich bin Pilot“, grölt ein Mann in die Runde. 2.30 Uhr. In der Smaragdbar ist skandinavischer Abend. Jaakko, ein junger Finne, das lange Haar lässig hinter die Ohren geklemmt, legt Retro-Soul auf den Plattenteller. Gleich daneben trinken rothaarige Finnen und blonde Schweden Bier aus Flaschen und Crémant aus Champagnerschalen. Als ehemaliger Hausdurchgang mit schlicht schönem Torbogen ist die Smaragdbar ein zehn Meter langer Schlauch, in dem jetzt etwa dreißig Nordeuropäer feiern. Das Konzept gefällt mir. Realisiere beim Blick in den Geldbeutel, dass ich dabei bin, einen guten Teil meines Texthonorars zu versaufen. Bestelle trotzdem einen Crémant und beobachte, wie der Barkeeper die Flasche aus dem Eiskübel nimmt, die Folie über dem Korken entfernt und sich in Position bringt. Tusch – knallt der Korken an die hohe Decke, an der ein Schlagzeug-Becken hängt. Beschließe so lange zu bleiben, bis es wieder tuscht.

Die Musik macht gute Laune, aber es ist zu laut, um mit den Finnen ins Gespräch zu kommen. Brülle ein paar Sätze in Richtung Barkeeper. Der hat „Presse“ nicht so gern am Tresen und wirkt leicht paranoid – die Bar soll ein Geheimtipp bleiben. Begebe mich voller Crémant-Seligkeit auf den Nachhauseweg. Oh! Calcutta. Einer geht doch noch. Trinke unter rot leuchtenden Asia-Lampen belgisches Leffe-Bier, das Bardame Natalie spendiert hat. Dazu kredenzt sie Schälchen mit gesalzenen Nüssen. Ich habe nach dem ersten Bierschluck alle Nüsse aufgegessen, bekomme das Schälchen aber gleich wieder nachgefüllt. Endlich – eine richtige Tresenfee. Fühle mich wie zu Hause, was auch an der wuchtigen Polstercouch liegen kann. Die gute Fee erzählt, dass sie das Sofa vor der Haustür gefunden hat, als sie gerade das Calcutta renovierte. Drei Monate lang hat sie, die sonst Messestände projektiert, Wände gestrichen, den Tresen abgeschliffen, die Bar eingerichtet und einen Calcutta- Zaubertrank ( u. a. Gin und französischer Likörwein) gebraut. Angetrieben von der Idee, eine eigene Bar aufzumachen.

3.40 Uhr

3.40 Uhr. Lasse meinen nächtlichen Streifzug Revue passieren. Resümiere: Wedding = Getränke und Trinker aller Nationen, niedrige Preise und morgen ein Brummschädel. Ich finde, dass Wedding ehrlich ist und frage Natalie, ob sie jetzt lieber in Calcutta wäre. Zum Schinken, Luxemburger Straße 5 Vagabund Bar, Antwerpener Straße 3 Café Salam, Gerichtstraße 56 Smaragdbar, Prinzenallee 80 Oh! Calcutta, Koloniestraße 9 Die Autorin kann nicht nur gut trinken, sondern auch tolle Magazine machen. Als Chefredakteurin von „Der Wedding“ ist sie gleich doppelt für eine Kneipentour geeignet. Einerseits ist sie im Berliner Norden ausgesprochen ortskundig, andererseits hat sie einen genauen Blick auf die Alltagskultur. Julia Boek Ob sie wohl von Indien träumt? Natalie, die ihre Bar Oh! Calcutta genannt hat.

 

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