Porträtreihe: »Wer macht 
das schon gerne? 
Niemand macht das gerne.«

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In ihren Jobs gibt es keine geregelten Arbeitszeiten, keine Vorgesetzten, keinen monatlichen Verdienst. Allein das Kleingeld in der Hosentasche entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Je größer der ökonomische Druck in der Gesellschaft 
ist, desto häufiger versuchen Menschen mit prekärer Arbeit über die Runden 
zu kommen. Vier Begegnungen

Fotos und Interviews: Stephanie Steinkopf


Die Flaschensammlerin

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Birgit Burmeister, 50, 
aus Berlin-Friedrichshain
Flaschensammlerin 
seit 2012

Herkunft: 
Berlin
Familienstand: 
ledig, zwei erwachsene Kinder

Ausbildung: 
Verkäuferin
Zeitaufwand: 
zwei Stunden/Woche
Verdienst: 
monatlich 20–25 Euro

Arbeitsort: 
Berlin-Friedrichshain

Wie bereiten Sie sich auf Ihre Arbeit vor?
Die Leute rufen mich an, damit ich ihre leeren Pfand-
flaschen zuhause oder aus dem Büro abhole. Meine 
Telefonnummer haben sie von der Internetplattform pfandgeben.de, dort bin ich als Flaschensammlerin ein-
getragen. Ich sage den Anrufern dann, wann ich kommen kann. Entweder es klappt oder nicht – sonst macht’s eben ein anderer.

Sammeln Sie Ihre Flaschen in einem bestimmten Revier?
Ich arbeite fast nur in Friedrichshain, in der Landsberger Allee, am Markgrafendamm und viel am Boxhagener Platz. Manchmal bekomme ich auch aus Kreuzberg Anrufe, 
aber dort kenne ich mich nicht so gut aus.

Ist die Konkurrenz unter den Sammlern groß?
Eigentlich habe ich keine Konkurrenten, weil die Leute mich anrufen, wenn sie ihre Flaschen loswerden wollen. Ich habe sogar Stammkunden, die sich alle vier Wochen regelmäßig bei mir melden.

Was passiert mit den gesammelten Flaschen?
Ich bringe die Flaschen weg, kaufe etwas für meinen Enkel oder gehe manchmal mit meinem Sohn ins Kino, denn das könnte ich mir sonst nicht leisten. Ich mag Action und Horror.

Welche Eigenschaften braucht man für diese Tätigkeit?
Was soll man da schon für Eigenschaften brauchen? Wenn die Leute anrufen, geht man einfach hin. Aber man 
muss schon wissen, welche Flasche wie viel Pfand bringt. Ich hatte mal einen Kunden, der hatte 80 Bierflaschen und 
keine Kästen dazu – das war mir dann zu anstrengend. Für eine Bierflasche gibt’s nur acht Cent.

Mögen Sie Ihre Arbeit?
Ich bin zufrieden. In den anderthalb Jahren habe ich schon 
ein bisschen was zusammenbekommen. Im Sommer macht es mir am meisten Spaß. Dann rufen mich die Leute öfter an.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?
Ich will gesund bleiben. Und ich möchte nach zwei Jahren ohne Stelle gern wieder in Arbeit kommen. Aber alle bieten 
nur 400-Euro-Jobs, da bleibt nicht viel übrig vom Lohn.

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Der Straßenmusiker

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Nestor Colbert, 51, 
aus Berlin-Kreuzberg
Straßenmusiker seit 1989

Herkunft: 
Villefranche-sur-Saône, Frankreich
Familienstand: 
geschieden, ein Kind

Ausbildung: 
Tischler, 
Web-Programmierer
Zeitaufwand: 
sechs Stunden/Woche
Verdienst: 
monatlich 200–320 Euro

Arbeitsort: 
Berlin-Kreuzberg

Wie bereiten Sie sich auf Ihre Arbeit vor?
Ich schreibe fast alle Lieder selbst, manchmal covere ich Lieder aus Frankreich. Bevor ich mich auf den Weg 
mache, schaue ich nach dem Wetter und übe ein bisschen. Egal ob ich vor fünf oder 300 Leuten auftrete, ich habe jedes Mal Lampenfieber.

Spielen Sie in einem bestimmten Revier?
Ich bin in Kreuzberg unterwegs, ab und zu auch in Fried-
richshain. Es gibt hier viele Kneipiers, die wollen gar 
keine Musiker bei sich haben. Andere finden, meine Musik 
passt nicht zu ihrem Haus. Inzwischen habe ich aber feste Bars.

Ist die Konkurrenz unter Straßenmusikern groß?
Es gibt viele, die draußen unterwegs sind. Gute und schlechte Musiker. Manchmal kommt man in Kneipen 
und es war schon einer da. Das bringt nichts mehr. Dann lasse ich es sein und komme später wieder.

Was machen Sie mit dem verdienten Geld?
Rechnungen bezahlen. Außerdem versuche ich, für einen Urlaub in meiner Heimat zu sparen.

Welche Eigenschaften braucht man als Straßenmusiker?
Man muss ein bisschen diszipliniert sein und sollte Persönlichkeit haben. Ich bin kein sehr guter Techniker, aber ich spiele mit dem Herzen. Das ist es, was zählt.

Mögen Sie Ihre Arbeit?
Ich mag meinen Job sehr, aber ich würde lieber in einer kleinen Formation auftreten und habe Lust, mein eigenes Repertoire häufiger zu spielen.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?
Keine Ahnung. Reich werde ich mit der Musik nicht, aber sie hilft mir als Nebenverdienst. Ich würde gern Songwriting-Kurse in Schulen anbieten, damit Jugendliche lernen, eigene Lieder zu schreiben. Das ist ja auch meine Stärke.
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Die Motz-Verkäufer

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Stefan Ortscheid, 44, 
aus Berlin-Schöneberg
Motz-Verkäufer seit 2013

Herkunft: 
Bad Sooden-
Allendorf, 
Hessen
Familienstand: 
ledig, zwei Kinder

Ausbildung: 
Weber
Zeitaufwand: 
zehn Stunden/Tag
Verdienst: 
keine Angabe

Arbeitsort: 
Berliner U-Bahn

Kersten Haupt, 52, 
aus Berlin-Tiergarten
Motz-Verkäufer seit 2003

Herkunft: 
Mühlheim an der Ruhr, Nordrhein-
Westfalen
Familienstand: 
ledig

Ausbildung: 
Bankkaufmann und Broker
Zeitaufwand: 
zehn Stunden/Tag

Verdienst: 
keine Angabe

Arbeitsort: 
Berliner U-Bahn

Wie bereiten Sie sich auf Ihre Arbeit vor?
Stefan Ortscheid: Es gibt keine Vorbereitung. Wir schauen 
nur, ob unsere Zeitungen für den Tag reichen.

Verkaufen Sie die Motz in einem bestimmten Revier?
Kersten Haupt: Die U-Bahn ist unser Revier.

Ist die Konkurrenz unter den Verkäufern groß?
Stefan Ortscheid: Die Konkurrenz ist sehr groß, größer als bei anderen Straßenzeitungen. Deshalb verrät man auch nicht, was man auf seiner Linie verdient.

Was machen Sie mit dem verdienten Geld?
Kersten Haupt: Ich finanziere mein Leben. Was Schönes gönne ich mir nur selten. Manchmal gehe ich ins Fuß-
ballstadion oder kaufe mir Kerzen. Jeden Abend zünde ich welche an, das schafft eine gute Atmosphäre.

Welche Eigenschaften braucht man für den Verkauf 
einer Straßenzeitung?
Stefan Ortscheid: Geduld ist wichtig. Man muss langsam 
sprechen und dabei langsam durch die Bahn laufen. Ruhig ab und zu stehen bleiben, damit auch ältere Leute genug Zeit haben, etwas zu geben.

Mögen Sie Ihre Arbeit?
Stefan Ortscheid: Wer macht das schon gerne? Niemand macht das gerne. Glücklich ist nur, wer Geld in der 
Tasche hat.
Kersten Haupt: Ich mag den Job nicht. Aber ich mache ihn halt.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?
Stefan Ortscheid: Warten, was die Zeit bringt.
Kersten Haupt: Vor einiger Zeit bin ich schwer gestürzt und habe mir die Wirbelsäule gebrochen. Ich möchte wieder gesund werden.

Den gesamten Beitrag können Sie in der aktuellen »Der Wedding«-Ausgabe 05 zum Thema Geld lesen.

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