Rap und Religion

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Die Pak-Mohammed Moschee war früher einmal eine Lagerhalle für Gemüse.

Mit den Brüdern Etizaz und Habib durch den Wedding

VON DOROTHÉE QUARZ

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Wird in Berlin über sogenannte soziale Brennpunkte geredet, werden meist die Bezirke Wedding und Neukölln als Negativbeispiele  angeführt. Vor allem Jugendliche gelten als problematisch – auch weil vielen Menschen die Lebenswelt der jungen Erwachsenen fremd ist. Der Verein „Kultur bewegt e.V.“ will dem schlechten Ruf von Kiez und Bewohnern etwas entgegensetzen und hat mit Route 65 ungewöhnliche Stadtteilführungen konzipiert: Jugendliche aus Neukölln und Wedding wie die Brüder Etizaz (18) und Habib (16) Wain zeigen interessierten Besuchern ihren Kiez und erzählen aus ihrem Alltag. „Rap und Religion“ heißt ihre Stadtteilführung durch den Wedding.

Habib und Etizaz beginnen ihre Stadtteilführung am Gesundbrunnencenter. Hier strömen Menschen aus der S-Bahn, rauschen Autos auf der gegenüberliegenden Badstraße vorbei, werden Kinderwagen in die Einkaufspassage geschoben. „Alle Menschen, die im Wedding wohnen, gehen zum Shoppen, Chillen, Eis essen ins Gesundbrunnencenter – egal welcher Nationalität“, erklärt Habib den zwölf Teilnehmern der Führung. „Auch muslimische Mädchen und Jungs sind gemeinsam hier, obwohl sie das eigentlich nicht dürfen“, er schmunzelt.

Einige Teilnehmer der Tour kennen das Gesundbrunnencenter. Ein Paar, das früher einmal im Wedding gewohnt hat, ist heute auf Nostalgie-Tour, ein junger Mann will den Wedding besser kennenlernen. Er wohnt in Weissensee, überlegt aber herzuziehen: Hier bekommt man noch schöne Altbauwohnungen zu einem guten Preis, viele meiner Freunde wohnen inzwischen in Wedding“.

Entlang der Badstraße, vorbei an Ein-Euro-Läden, China-Imbissen, Gemüsehändlern und Spielhallen geht die Tour. Es ist laut, die Menschen drängeln sich auf dem Gehsteig. Immer wieder grüßen Habib und Etizaz die vorbeiziehenden  Passanten auf der Straße. Die Brüder sind hier geboren, der Kiez ist ihr Zuhause; ihre Eltern kommen aus Pakistan.
Vor der Willy-Brandt Oberschule in der Grüntaler Straße bleiben sie stehen. Ruhig ist es hier in der Seitenstraße – die laute Geräuschkulisse der Badstraße bleibt zurück. In der Oberschule, erzählt Habib, habe er vor einiger Zeit ein berufsvorbereitendes Jahr absolviert. Damals, erinnert er sich, habe es „heftige Schlägereien auf dem Schulgelände“ gegeben, bei denen er und sein Bruder auch mal zugeschlagen hätten. Doch das ist Vergangenheit, heute diskutieren sie bei Konflikten miteinander und seitdem die Schule mit Sozialpädagogen und Mediatoren zusammenarbeitet – sei auch das Klima viel besser geworden.

Zurück auf der Badstraße führt der Weg hinein in einen kleinen Laden, der orientalische Teppiche, Shishapfeifen und Möbel verkauft. An den Wänden hängen goldene Rahmen, in denen auf kleinen Messingschildern die 99 Namen Allahs auf Arabisch stehen. Viele Muslime hängen sich diese Synonyme für Allah an die Wohnzimmerwand, erklärt Habib. Die Brüder kommen regelmäßig, um sich neue Shishapfeifen zu kaufen. „Das ist zu einem richtigen Trend unter Jugendlichen geworden“, sagt Etizaz. Er erklärt, wie man eine Wasserpfeife benutzt und erzählt, dass sie abends oft in Shisha-Bars gehen.

Die Route führt zurück in die Badstraße, zur Pak-Mohammed Moschee. Die pakistanisch-sunnitische Moschee liegt in einer ehemaligen Lagerhalle für Gemüse, doch daran erinnert heute nichts mehr. Die Böden sind mit schweren Teppichen ausgelegt, die Wände holzvertäfelt und mit Lichterketten und Bildern der Stadt Medina geschmückt. Jeden Freitag besuchen die Brüder den Gottesdienst, sonntags gehen sie in den Religionsunterricht. Der 16-jährige Habib ist sehr gläubig und betet fünf Mal täglich; sein 18-jähriger Bruder Etizaz nur, wenn er Zeit hat. Alkohol trinken sie beide nicht. Die Teilnehmer der Stadtteilführung interessieren sich für den Ablauf des Gebets und Habib, der Jüngere der beiden, erklärt, dass freitags zuerst auf Urdu und anschließend auf Arabisch gebetet wird, und dass Männer und Frauen in getrennten Räumen beten.

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Etizaz (links) und Habib zeigen interessierten Besuchern ihren Weddinger Kiez.

Neben Religion spielt auch Rap-Musik im Leben der Brüder eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit anderen Rappern und den Streetworkern von der Straßenarbeitsinitiative „Gangway e.V.“ haben sie die CD „Gangway Beatz Sampler“ aufgenommen; das Gangway-Büro in der Buttmannstraße ist die vorletzte Station der Kiezführung. Bedingung für die Aufnahmen auf dem „Gangway Beatz Sampler“ war damals, dass die Texte weder frauenfeindliche noch gewaltverherrlichende Inhalte haben. Gemeinsam mit Gangway waren die Brüder auch in New York, wo sie in der Bronx amerikanische Rapper getroffen haben. Etizaz Augen strahlen, als er davon erzählt: „In New York habe ich erst so richtig gemerkt, was Hip Hop ist. Da rappen die Jugendlichen auf der Straße und tanzen Breakdance in der U-Bahn“.

Zeit zum Rappen haben Habib und Etizaz derzeit jedoch nicht –  Habib besucht die 11. Klasse eines Gymnasiums in der Voltastraße; Etizaz absolviert ein berufsvorbereitendes Jahr. Dass den Brüdern Bildung wichtig ist, wird auch bei der letzten Station von „Rap und Religion“ klar: Habib schwärmt vom regionalgeschichtlichen Museum Mitte am Gesundbrunnen. Begeistert zählt er auf, was dort alles ausgestellt wird. „Hier kann man erfahren, wie die Menschen früher gelebt haben und wie der Schulalltag aussah.“
Erfahren haben die Teilnehmer der Route 65 heute vor allem etwas über den Alltag der Brüder Habib und Etizaz Wain aus dem Wedding.
Route 65, weitere Infos unter: www.route65-wedding.de

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Dorothée Quarz, freie Journalistin, hat in Bonn und Warschau Germanistik und Philosophie studiert und lebt heute in Neukölln. Sie interessiert sich für Unterwäschemode, Eckkneipen, Badezimmerrituale – für Alltagskultur in all ihren Facetten.


!!!! VERANSTALTUNGSTIP !!!!

Kiezrallye im Quartier Pankstraße

Sonnabend, den 11. Dezember, 16 Uhr
Treffpunkt Quartiersmanagement Pankstraße/ Prinz-Eugen-Str. 12, Berlin-Wedding
Die Tour ist kostenlos und dauert ca. 2,5 Stunden.

Start am 11. Dezember um 16 Uhr
Am 11. Dezember um 16 Uhr geht es los.

Treffpunkt ist das Quartiersmanagement Pankstraße in der Prinz-Eugen-Str. 12.

Die Tour ist kostenlos und wird circa 2,5 Stunden dauern.
Weitere Infos unter: www.da-geht-der-pank-ab.de

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