Rhababerweizen statt Schultheiss

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Die derzeitige Aufwertung der Weserstraße kommentiert dieses Straßenschild.

Über Gentrifizierung wird in Berlin viel diskutiert – im Mittelpunkt steht derzeit vor allem Neukölln und die Aufwertung des so genannten Problemkiezes Weserstraße und Umgebung zum Szeneviertel. Gab es hier vor einigen Jahren nur ein paar Alt-Berliner Eckkneipen, eröffneten neue Bars und Kneipen jüngst  im Wochentakt. Inzwischen gibt es auf der Weserstraße rund 15 Kneipen, die sich vorwiegend an ein junges Publikum richten. Flaneure und Touristen haben die Straße längst für sich entdeckt.

Aber nicht alle freuen sich über die Entwicklung: Die Mieten werden teurer und der Lärmpegel der Straße steigt. Was denken die Bewohner über die Turboaufwertung ihres Quartiers? Profitieren Sie davon? Ein Stimmungsbericht durch Geschäfte, Kneipen und Wohngemeinschaften entlang der Weserstraße

von Dorothée Quarz

Seit zehn Jahren repariert Hartmut Stelzner* Fahrräder in der Weserstraße. „Früher war hier nix los, außer auf dem Spielplatz: Da wurde randaliert und mit Drogen gedealt“, erinnert er sich. Heute beobachtet er aus seinem Werkstattfenster immer öfter Wohnungsbesichtigungen, bei denen bis zu 40 Menschen Schlange stehen.

Er freut sich über diese Entwicklung, auch wenn kaum junge Leute ihre Fahrräder bei ihm reparieren lassen: „Die haben kein Geld und basteln lieber selbst an den Rädern rum“, sagt er achselzuckend.

Bei Dogan Karaoglan dagegen brummt der Laden seit die Weserstraße zur Kneipenmeile geworden ist. In seinem „Späti International“ macht er vor allem am Wochenende viel Umsatz; verkauft Bier, Schokolade und Zigaretten an die Kneipengänger. „Mir gefällt das internationale Flair und das viele meiner Kunden Künstler sind“, sagt er. Beobachtet hat er auch, dass einigen Anwohner der Trubel zu viel wird: „Die Polizei kommt am Wochenende öfters mal vorbei und sorgt für Ruhe“, erzählt Karaoglan.

Die Polizei hat Torsten Koch* noch nie gerufen – aber er schüttet schon mal einen Eimer Wasser aus dem Fenster. Der Student wohnt über einer Kneipe in der Weserstraße. Vor drei Jahren zog er zusammen mit anderen Studenten in die Wohnung. Kurz danach eröffnete die Kneipe darunter. Ihr Bier trinken sie gerne dort: „Zu den Kneipenbetreibern haben wir einen guten Draht“, sagt Koch. Von den Leuten, die sich nachts lautstark vor der Kneipe unterhalten oder auch mal unter seinem Schlafzimmerfenster Gitarre spielen, sind sie jedoch inzwischen genervt.

„Die Kneipeninhaber versuchen zwar die Leute vom Gehweg wegzubekommen, aber zwischen Bier zapfen und kassieren können sie nicht alle 15 Minuten die Gäste ermahnen“, erzählt er. Selbst sieht Koch keinen Sinn darin, den Lärmenden stets aufs neue zu erklären, dass die Bewohner der Straße wegen dem Krach nachts nicht schlafen können. Am nächsten Abend sind es eh wieder andere Leute, die vor seinem Schlafzimmerfenster stehen. Als die Studenten damals in den Kiez zogen, gab es nur wenige Kneipen. Ein halbes Jahr später schossen sie wie Pilze aus dem Boden; jede Woche kam eine neue Location dazu.

Der Entwicklung ihrer Straße – sie stehen ihr widersprüchlich gegenüber: Einerseits trinken die Studenten ihr Bier gern in einer der neuen Kneipen, andererseits ärgern sie sich über mehr Lärm: „Und wer braucht die zwanzigste Kneipe in der Weserstraße, die genauso aussieht wie alle anderen?“. Wegziehen wollen Torsten Koch und seine Mitbewohner aber nicht. Sie loben die Infrastruktur und eine vergleichbare Altbauwohnung für den selben Preis würden sie jetzt auch nicht mehr im Kiez bekommen.

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Nicht jeder freut sich über die Turboaufwertung des Quartiers.

Über höhere Mietpreise beklagt sich auch Matthias Merkle. Zusammen mit seiner Partnerin Antje Borchardt betreibt er die Kneipe „Freies Neukölln“. Es war die erste Kneipe in der Weserstraße, die sich an ein junges Publikum richtete. „Damals gab es nur ein paar Eckkneipen und viel Leerstand“, erinnert sich Merkle. Beide hatten sie keine Lust mehr, für jedes Feierabendbier nach Kreuzberg zu fahren; 2006 eröffneten sie ihre eigene Kneipe.
„In den ersten beiden Jahren war es eine Nachbarschaftsbar, in der sich Bewohner aus dem Kiez trafen“, erzählt Merkle, „jetzt kommen Leute, die für ein paar Jahre während des Studiums hier leben, um danach woanders die Anwaltskanzlei von Papa zu übernehmen.“
Die Immobilienbesitzer haben schnell gemerkt, dass die Gegend immer beliebter wird und erhöhten die Mietpreise. So mussten Merkle und Borchardt nach drei Jahren den Mietvertrag neu aushandeln: Jetzt zahlen sie 60% mehr. Die Entwicklung, die Matthias Merkle selbst mit verursacht hat, bedauert er: „Heute ist es nicht mehr der Laden, den wir eröffnet haben.“

Die neuen Gäste kämen mit einem Anspruchsdenken in den Laden. Merkle ärgert sich: „Sie wollen direkt bedient werden und ertragen es nicht, wenn die Kellnerin mal schlecht drauf ist.“ Als vor einigen Wochen jemand ein Rhabarberweizen bestellte, dachte er daran, den Laden dichtzumachen. Gleichzeitig, das betont Merkle, würden er und seine Mitarbeiter von diesem Publikum leben – diese Ambivalenz sei ihm durchaus bewusst. Wichtig ist dem Kneipeninhaber, dass auch Leute mit wenig Geld in seine Kneipe kommen können, weshalb er die Preise bewusst niedrig hält: Eine kleine Flasche Becks kostet 2,20 Euro; das Quartiersbier 1,80 Euro. Immer wieder hat es deswegen Ärger mit den anderen Kneipenbetreibern gegeben, die ihn auffordern, die Bierpreise zu erhöhen.

Im Tell-Stübchen ein paar Häuser weiter kommt wahrscheinlich niemand auf die Idee, ein Rhabarberweizen zu bestellen. Hier trinkt man frischgezapftes Schultheiss, schaut durch Gardinen aus dem Fenster oder auf die holzvertäfelten Wände. Schon seit über 35 Jahren gibt es die Eckkneipe; Uwe Röwer steht seit vier Jahren hinter dem Tresen. Im Gegensatz zu Matthias Merkle freut er sich über das neue Publikum: „Am Wochenende ist es hier wie auf dem Ku’damm: Da können sie den Leuten beim Flanieren zuschauen.“ Gegen ein Uhr nachts kommen die jungen Leute auch zu ihm in den Laden, am Wochenende steigt der Umsatz deutlich. In einer der neuen Kneipen war er selbst noch nie. Und Schultheiss ist ihm lieber als Rhabarberweizen.

* Namen wurden von der Reaktion geändert

Dorothée Quarz, freie Journalistin, hat in Bonn und Warschau Germanistik und Philosophie studiert und lebt heute in Neukölln. Sie interessiert sich für Unterwäschemode, Eckkneipen, Badezimmerrituale – für Alltagskultur in all ihren Facetten.

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