Automat mit Format

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Text: Sarah Oßwald | Fotos: Anna Meschiari

Sie sind rot oder gelb, immer eckig, mal mit einem, meistens aber mit zwei bis vier Sichtfenstern ausgestattet und hängen in der Nähe von Kiosken und Kneipen: Kaugummiautomaten. Seit die Holländer und Amerikaner die Automaten mit dem klebrigen Süß ins Nachkriegsdeutschland brachten, sind sich die Apparate erstaunlich treu geblieben – im Design, in der Technik und zum Teil auch im Inhalt.

Zwar sind die meisten Geräte mittlerweile mit Panzerglas und Gittern ausgestattet, doch benötigt ihre Technik noch immer keinen Strom. Der Inhalt ist heutzutage mitunter in Plastik eingepackt, auch gab es vor sechzig Jahren noch keine Schnuller mit Licht, „sticky perlmutt monsters“ und Smarties. Aber zumindest in einem Fenster ist nach wie vor der Klassiker zu finden: die 15-Millimeter-Standardkugel in Rot, Gelb, Grün und Weiß. Allerdings versteckt sich der legendäre Kaugummi mit dem Drei-Sekunden-Geschmack teilweise unter moderneren Namen wie „leckere Fruchtkugel“ oder „Galaxy assorted bubble gum balls artifically flavored“. Auch viele andere Gimmicks werden schon seit Jahren im Kaugummiautomat vertrieben: Mini-Taschenmesser, Schlüsselanhänger, Flummis, Würfel und nicht zuletzt Ringe. Die Chance, einen solchen Hauptgewinn auf Anhieb zu ergattern, ist heute wie damals völlig aussichtslos. Aber das macht ja auch die Faszination des Kaugummiautomaten aus.

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Wie leicht könnte man die kastenförmigen Geräte übersehen, hat man sich doch so sehr an sie im Straßenbild gewöhnt. Und außerdem hängen sie nicht gerade auf Blickhöhe eines erwachsenen Menschen. Schaut man ganz genau hin, wird man feststellen, daß es um viele nicht mehr gut steht. Kaugummiautomaten werden eins mit der Hauswand: Die letzten Plünderungsanschläge sind nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen, sie werden als Müllhalter und Urinierziel mißbraucht oder werden ganz einfach nicht mehr aufgefüllt. Viele Automaten hängen nur noch als Gerippe an den Hauswänden. Nicht zuletzt führt der Konkurs des Kiosks meistens auch zum Ende des Automaten. Trotzdem wäre es zu früh, von einem Aussterben zu sprechen. Einige Geräte werden nach einer gewissen Zeit von einem neuen Betreiber aufgekauft. Und außerdem existieren sie en masse. Genaues weiß man nicht, aber nach groben Schätzungen von Automatenaufstellern gibt es republikweit 280000 bis 800000 Stück. Geht man von der höheren Zahl aus, kommt etwa ein Kaugummiautomat auf hundert Bundesbürger bzw. einer auf 20 Kinder ­ der Hauptklientel der Kaugummispender. Auch spiegelt sich das soziale Gefüge in der Automatendichte wider. In Neukölln dürfte sie höher sein als in Zehlendorf.

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Insgesamt gibt es etwa 40000 Kaugummiautomaten in Berlin. Sie werden von vier Betreibern in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen aufgefüllt. Einer von ihnen ist der „Automaten-Dirk“. Dirk Piepenhagen weiß, daß entweder Quantität oder Qualität zählt, um von Kaugummiautomaten leben zu können. Da die Hauswände in Berlin schon ziemlich mit Kaugummiautomaten tapeziert sind und er erst Ende der neunziger Jahre auf den Markt kam, hat er sich für letzteres entschieden. Piepenhagen betreibt etwa viertausend Automaten, was im Vergleich zu seinen Mitstreitern, die sich um bis zu 30000 Automaten kümmern, eher bescheiden ist. Allerdings besitzt er lediglich etwa 800 von den moderesistenten Wandautomaten mit den klebrigen Kugeln. Die restlichen Apparate sind den Witterungsverhältnissen nicht ausgesetzt: Die Kondomautomaten und Getränkeautomaten befinden sich in Gebäuden, die Kiddie Rides, die animierten Kugelautomaten mit Affe oder Papagei und die Standkaugummiautomaten stellt der dazugehörige Laden Tag für Tag erneut vor die Tür. So muß Automaten-Dirk sie im Gegensatz zu den Wandautomaten auch nicht an Silvester abmontieren und in Sicherheit bringen.

Die Euro-Umstellung war teuer, nervig wäre auch die diskutierte Kaugummisteuer. Fest steht aber, solange es noch „Groschenkönige“ gibt, die die Automaten nachfüllen, wird es auch immer Kinder geben, die sie leeren.

Sarah Oßwald ist Geographin mit dem Schwerpunktthema Zwischennutzungen und eine der Gründerinnen der Tentstation. Ihr Text erschien in Scheinschlag 06/2005.

Die Bilder der Fotografin Anna Meschiari sind noch bis zum 3. Oktober in der Ausstellung „Automatenjagd quer durch Berlin“ zu sehen.


Automatenjagd quer durch Berlin
Café Aroma Photogalerie
Hochkirchstraße 8
10829 Berlin
www.cafe-aroma.de


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