Nachbarschaftshilfe

Werning-Wedding-Axel06

Text: Heiko Werning | Foto: Inga Seidler

Ein angenehmer Sommermorgen. Ich sitze entspannt in unserem Hinterhofgärtchen und genieße die Sonnenstrahlen, die auf das dritte und vierte Stockwerk des Hauses gegenüber fallen. Aus einem Fenster tönt lautstark orientalische Musik, aus einem anderen deutscher Schlager. Der Sound des Sommers. Mein zweijähriger Sohn Wilko sitzt im Sandkasten und buddelt vor sich hin, die perfekte Idylle.

Plötzlich raschelt es hinter mir, und der aktuelle und vermutlich wie immer nicht lang amtierende Inhaber der erwachsenen männlichen Stelle in der tief im abgehängten Prekariat verwurzelten Hinterhofgartennachbarsfamilie lugt über die Hecke. „Hey, kannste mir mal einen Gefallen tun?“

„Worum geht’s denn?“

„Könnteste kurz auf die Kinder aufpassen? Die Olle ist im Moment nicht da, und ich muss mal eben vor der Polizei flüchten.“

Obwohl das durchaus nach einer plausiblen Begründung klingt, bin ich doch etwas irritiert. „Super, danke!“, sagt mein Nachbar, ehe ich etwas antworten kann, „ich muss mal los, die brechen gerade die Tür auf. Das Baby liegt hinten im Esszimmer, ein Fläschchen steht noch an der Spüle.“

Im nächsten Moment sprintet er zu dem immerhin gut zwei Meter hohen Gusseisenzaun, der unseren Hinterhof von dem des Nachbarhauses trennt, hüpft mit einem eleganten Satz hinüber und rennt durch den Torbogen Richtung Ausgang zur Querstraße. Der ist weg.

Ich blicke erst mal über die Hecke in Nachbars Garten. Dahinter stehen drei etwas verstört wirkende kleine Kinder im Alter zwischen geschätzt 2 und 6. Aus der Wohnung dringt Babygeschrei. „Bist du jetzt unser neuer Papa?“, will die Größte wissen. Verdammt. Es ist kurz vor 11, in Bälde müsste eigentlich Freund Hinark Husen eintreffen, der heute den Babysitter für Wilko machen soll. Bis dahin musste ich die Situation irgendwie allein unter Kontrolle halten.

„Los, Wilko, wir müssen da mal rüber“, sage ich zu meinem Sohn, der aber den Sandkasten nicht verlassen will und zu schreien anfängt. Das scheint sich psychisch destabilisierend auf den Jüngsten von gegenüber auszuwirken, denn jetzt fängt es hinter der Hecke auch an zu heulen. Und wie soll ich überhaupt über oder durch diese verdammte Hecke kommen?

Die Blagen von nebenan spielen öfter mal bei uns im Garten, also frage ich die Älteste, wie sie eigentlich immer herkommen. „Ich zeig’s dir!“, ruft sie erfreut. Dann kommt sie auf allen Vieren unter einem Busch direkt am Zaun zu mir rübergekrochen. „Hier, ist ganz einfach!“ Verdammt, da pass ich nicht durch. „OK, das geht so nicht“, informiere ich die Kleine, die einigermaßen verständig wirkt. „Pass auf, ich gehe mit Wilko jetzt außen rum, über die Seestraße. Ich klingle bei euch, und du lässt uns dann rein, OK?“ Sie schaut mich nachdenklich an. „Aber vor die Haustür hat Papa doch das Sofa und die Kommode geschoben, wegen der Polizisten.“

Das hatte ich nicht bedacht. Jetzt fängt auch die Mittlere an zu heulen, das Geschrei wird langsam infernalisch und bessert sich nicht, als ich Wilko gegen seinen Willen aus der Sandkiste hieve und durch das Loch in der Hecke drücke. Im dritten Stock öffnet sich ein Fenster: „Ey, was ist denn das für´n Alarm da unten? Andere wollen noch schlafen, so früh am Morgen!“, brüllt Hoppe zu uns runter, eine gute Gelegenheit, ihn darauf hinzuweisen, dass er nicht immer seinen Staubsaugerbeutel aus dem Fenster in unseren Garten werfen soll. „Oh, `tschuldigung“, ruft er, „dann sind wir jetzt ja quitt.“ Er macht das Fenster zu, na also.

Aber es muss trotzdem was geschehen. Drei aus Leibeskräften schreiende Kleinkinder und ein hysterisches Baby sind vielleicht ein bisschen viel für die Nachbarschaft, morgens um 11. Nicht, dass Robert Rescue noch wach wird. Also quetsche ich mich irgendwie durch das Loch, der Busch muss einige Äste lassen und ich einige Kratzer einstecken, aber dann geht es doch. Das Baby schreit jetzt schon ziemlich, und außerdem hört man das Geklopfe und Gedröhne von der Tür, meine Güte, was brauchen die da eigentlich so lange, die Bullen? Die Kinder beruhigen sich allmählich wieder, jetzt müsste ich nur noch die Flasche ins Baby stecken, dann herrschte wenigstens erst mal wieder Ruhe. Allerdings – wie soll ich da reinkommen? „Wo ist denn die Tür zu eurer Wohnung?“, frage ich verblüfft. „Welche Tür?“, fragt die Große zurück, „wir klettern immer durchs Fenster.“ Hoffentlich kriegen sie ihn, meinen Nachbarn, denke ich innerlich fluchend, und buchten ihn schön lange ein.

Also gut, jetzt werde ich ja auch noch irgendwie durch dieses Fenster kommen. Ist so hoch zum Glück ja nicht. Während ich mich also durch den Fensterrahmen schiebe, knallt es beachtlich, ein großes Geschiebe und Geknarze – aha, die Polizisten haben offenbar die Tür aufgebrochen und schieben jetzt die Möbel weg. Ich aber kann mich nicht wegschieben. Ich hänge irgendwie fest. Wie unangenehm. „Was machst du denn da?“, fragt das große Mädchen draußen. „Halt die Klappe“, antworte ich pädagogisch wertvoll.

Ein paar Momente später stehen zwei der Herren in Grün vor mir, während ich immer noch im Fenster hänge, mit einem Bein im Rahmen und einem Bein draußen. „Halt!“, brüllt einer der Bullen und zieht allen Ernstes seine Waffe, „bleiben Sie stehen!“ „Ich stehe nicht, ich liege“, blaffe ich ihn an. Manchmal glaube ich direkt, ich habe mich doch ganz gut eingelebt hier in den letzten 17 Jahren, „Können Sie nicht mal helfen?“ Er beäugt skeptisch die Situation. Immerhin scheint er mich vorerst als ungefährlich einzustufen und steckt die Knarre wieder ein. „Was machen Sie denn da?“

„Ich versuche, hier reinzukommen!“, antworte ich wahrheitsgemäß. Er guckt noch misstrauischer.

„Und warum, wenn ich fragen darf? Sind sie nicht eben noch vor uns weggelaufen?“

„Nein, ich bin nur der Babysitter!“

Das Baby schreit weiter aus vollem Halse, das scheint ihn zu überzeugen. Er reicht mir die Hand, zieht kräftig, und schon bin ich drin. Die Kinder draußen lachen laut. Es ist ja so einfach, denen eine Freude zu machen.

Während ich mir die Flasche greife und dem Baby gebe, aufmerksam beäugt vom zweiten Polizisten, klettert der Kollege zu den Kindern nach draußen. Sehr gut, mit Waffengewalt werden wir die schon gebändigt bekommen. Er guckt sich etwas hilflos um, und offenbar geht ihm auf, was passiert ist. Man hört ihn leise fluchen, dann beginnt er mit der Besteigung des Zauns. Das sieht schon weit weniger elegant aus als bei meinem Nachbarn, unbeholfen bleibt er oben kurz hängen, na also, ich grinse zufrieden: „Was machen Sie denn da?“, rufe ich ihm noch zu. Revanche geglückt. Die Kinder kugeln sich vor Lachen. Der Polizist landet im Nachbarhof und macht sich auf Richtung Nebenstraße. Nun klettert auch der zweite Polizist in den Garten, um sich ein Bild der Lage zu machen.

Im nächsten Moment ertönt ein großes Geraschel – Hinark quetscht sich durch die Hecke. Der Polizist zückt sofort wieder seine Waffe, Hinark quiekt: „Hilfe, ich bin doch nur der Babysitter!“

Verwirrt guckt der Polizist zwischen uns hin und her: „Was’n jetzt, wolln’se mich verarschen, oder was?“

„Nein“, versuche ich zu erklären, „ich bin nur hier, äh, aushilfsweise der Babysitter bei meinem Nachbarn. Und das hier“, ich zeige auf Hinark, „ist halt der Babysitter, der auf mein Kind“, ich zeige auf Wilko, „aufpassen soll.“

„Weil sie keine Zeit haben, sich selbst um das Kind zu kümmern“, schlussfolgert der Polizist durchaus richtig.

„Genau!“, bestätige ich.

„Weil Sie ja auf die Kinder vom Nachbarn aufpassen müssen.“

„Nein, eigentlich nicht, also … ach!“ Er glaubt uns eh kein Wort. Ich sehe uns alle schon den ganzen Tag auf der Polizeiwache verbringen, da kommt Frau Nachbarin rein: „Was ist denn hier los?“

„Mama! Mama!“, kreischen die drei Fremdkinder, ich drücke ihr das Baby in die Hand und informiere sie: „Ich hab nur kurz auf die Kinder aufgepasst. Dein Freund hatte, äh, zu tun.“ Sie schaut sich kurz um und scheint die Lage sofort zu erfassen. „Das ist schon OK, das sind nur die Nachbarn“, erläutert die Frau jetzt dem Polizisten, „Sie wolln zu meenem Typen, wa? Der is bestimmt wieda hinten übern Zaun. Den kriegn’se nich mehr, der ist erstaunlich fix, wenn er mal muss. Sonst kriegta`n Arsch nich hoch, aber wenn die Bullen hinter´m her sind, dann rennta wie’n Weltmeista, die Pfeife. Was hatta´n nu scho wieda ausjefressen?“

Den Nachbarn treffe ich eine Woche später auf der Seestraße. „Ey, besten Dank noch wegen neulich, wa!“, ruft er mir zu, als ich vorbei gehe, „war nur’n kleines Kreditproblem, verstehste? Hättense drei Tage gewartet, hätt ich ja alles bezahlt, aber so musste ich mir halt `n bisschen verdünnsieren, wa?“ Ich nicke verständnisvoll.

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Buchpremiere „Mein wunderbarer Wedding“ von Heiko Werning am 21. April im Mastul

Vor rund 20 Jahren ist Westfale Werning zufällig in den Wedding geraten, weil da halt Wohnungen frei waren. Bald darauf war ihm auch klar, warum. Sein Verharrungsvermögen war trotzdem stärker, und so machte er einfach das, was er als gelernter Reptilienforscher halt kann: Hingucken und aufschreiben, was die merkwürdigen Geschöpfe um ihn herum so machen. Die Beobachtungsprotokolle sind nun als schönes Buch mit dem Namen „Mein wunderbarer Wedding“ bei der Edition Tiamat erschienen.


Mi 21.04.2010

21 Uhr Mastul e.V.

Liebenwalder Strasse 33, Wedding

U6 Seestr., U9 Nauener Platz, Tram Osramhöfe

www.mastul.de

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