Der Berliner Schlüssel

Schlüssel2

Text: Tim Schintlholzer

Das wird wohl so Ende der 90er Jahre gewesen sein, also kurz nach der Handtelefonrevolution als ich mich mit einem Kuriosum der Schließanlagentechnik konfrontiert sah, das eigentlich schon damals seine beste Zeit hinter sich hatte. Ich war da, also noch vor dem Berlin-Boom, wo alles von Rang und Namen aus Kunst, Kultur und Medien unbedingt nach Mitte wollte,  gerade in die Hauptstadt gezogen und darüber so was von in Aufregung, dass ich eigentlich gar nicht wirklich mitbekam, wie und was mit mir geschah.

Ich zog in eine runtergekommene Altbauwohnung im Vorderhaus, 4. OG mit Kohleofen, ohne Balkon, ohne abgezogene Dielen (also Ochsenblut!) und ohne Klingelanlage und bekam bei der Wohnungsübergabe nach Unterzeichnung des Mietvertrages und Barauszahlung der obligatorischen Kaution von drei Monatsmieten (Nettokalt!) mehrere Schlüssel und so ein Ding ausgehändigt.

Ich hatte so etwas noch nie gesehen, geschweige denn von seiner Existenz gewusst. Nun gut, man konnte das Ding schon als Schlüssel identifizieren, aber es war ein eigenartiger Schlüssel, ich meine, es waren eigentlich zwei Schlüssel ohne Griff, wie als hätte da so ein Scherzkeks zwei alte Kellerschlüsse an ihrem Griffel abgesägt und sorgfältig dann aneinandergeschweißt.

Ich fand sofort eine plausible  Erklärung: Roter Wedding! Alter Arbeiterbezirk! Wohnort richtiger Trinker – seit Generationen schon! Na klar! Wenn man so richtig strunzen voll ist, dann tut man sich mit nem Schlüssel schon mal schwer und versucht stundenlang die Tür aufzukriegen, ohne zu merken, den Schlüssel die ganze Zeit falsch rum ins Schloss führen zu wollen. Und meistens dann kommt man ja auf das Naheliegendste nicht und versucht erstmal alle anderen Türen der Strasse.

So was ist ärgerlich, zumal man da tierisch Stress mit der Alten kriegt, weil man schon wieder so spät und versoffen nach Hause kommt, obwohl man doch eigentlich schon die letzte Skatrunde für den Haussegen sich selber überlassen hatte. Wer kennt das nicht?  Es konnte nicht anders sein. Es musste sich um eine Spezialanfertigung von Harald Juhnke handeln. Ich war begeistert und konnte mein Glück kaum fassen. Schien es mir doch, als hielte ich unverhofft meine Altersvorsorge in den Händen. Mit dem Harald Juhnke Schlüssel müsste ich doch bei eBay Unsummen abkassieren können.

„So! Und jetzt erklär ich ihnen noch die Anwendung des Berliner Schlüssels, weil so was habense ja janz bestimmt noch nich jesehen!“ kam meine frisch gebackene Vermieterin zum Abschluss des Wohnungsübergabeprocedere. Zusammen stapften wir die Treppen hinunter durch dieses völlig versiffte Treppenhaus, in dem es bis zu dem Tag meines Auszuges eigentümlich vermengt nach Pisse, Gras und Sperrmüll roch, wie es da wahrscheinlich auch heute noch riecht, und ich erhielt an der Haustüre angekommen meine Einführung in den Gebrauch diese Schlüssels. Wäre ich damals nicht so von dem Treppenhausgestank benommen gewesen, hätte ich nur einmal klar darüber nachdenken können, was das ohne Klingelanlage und mit so einem Berliner Schlüssel für Umstände mit sich bringt, ich glaube, ich hätte den Vertrag sofort noch zerrissen und mir was anderes gesucht. Dann aber wiederum denke ich heute, dass es auch schlimmer hätte kommen können, wie z.B. so nen Treppenhaus, in dem es nach diesem DDR-Mief und nach VEB-Bohnerwachs stinkt, wo man sofort so ne Stasiparanoia kriegt.

Aber trotzdem, man muss sich das mal vorstellen: Diese verfickte Tür war immer verschlossen. In jeder gottverdammten Situation musste man diese Scheißtür aufschließen und dann von innen wieder zuschließen, weil man sonst diesen verkackten Berliner Schlüssel nicht wieder aus dem Schloss bekam! Sturzbesoffen oder bekifft, voll bepackt mit Einkaufstüten, sturzbesoffen voll bepackt mit Einkaufstüten, bekifft voll bepackt mit Einkaufstüten oder sturzbesoffen und bekifft voll bepackt mit Einkaufstüten – immer war die Tür zu, immer aufschließen, immer wieder abschließen.

Und dann kamen Gäste nicht rein, konnten sich unter Umständen gar nicht aufmerksam machen, standen Ewigkeiten auf der Strasse, pfiffen und schrieen: Huhu, Wir sind´s!, Aufmachen! Ja, ja, ja so war das! Jeder Umtrunk, jede Verabredung, jedes Fest geriet zum totalen Stress wegen dieser Scheiße! Sturzbesoffen und bekifft voll bepackt mit Einkaufstüten,  Tür auf Tür zu, hoch geschleppt den Scheiß, alles sowieso schon viel zu spät, die ersten Gäste viel zu früh, Akku leer, Huhu! Wir sind´s!, Schlüssel in ne Socke gestopft und auf so nen Drogen-BMW geschmissen! Alarm Grande! Ich habe dann später mit einer Angel gearbeitet, aber die Gäste kamen ja nicht nur nicht rein, die kamen ja auch nicht raus!

Wie oft klingelte das Telefon und dann ungefähr so: „Hallo! Ich bin´s noch mal! Du, die Tür, die ist zu!“ Man kann die Leute ja nicht vier Stockwerke wieder hoch laufen lassen, so als Gastgeber! Man läuft also runter und dann natürlich wieder rauf! Und das macht man dann so drei bis vier Mal am Abend, so je nach dem. Einmal bei einer richtigen Party haben dann so zwei Kokser, gewahr ihrer unerhofften Gefangenschaft im Treppenhaus losrandaliert und die Tür einfach eingetreten und weil sie gerade dabei waren auch 48 Latten des Treppengeländers gleich mit. Das habe ich dann aber nicht bezahlt. Ich habe gesagt: „Kümmern sie sich gefälligst um ein normales Schloss und lassen sie eine ordentliche Klingelanlage anbringen, sie blöde Schlampe!“, hätte ich gerne gesagt.

Ich war dann irgendwann kurz vor dem Ausziehen, so richtig down wegen der Sache bei Kiffer Hans im zweiten Stock bei uns im Haus unten, und während wir so ne Bong rauchten und uns richtig fett machten, zeigte der völliges Unverständnis für mein Problem. „Sach ma! Kennst du nicht Klick-Klack, Blödmann?“ „Klick-Klack?“ „Ja! Man! Klick-Klack! Man! Wenn Du aufschließt, machst du et janz schnell, bis et Klick macht, und dann lässt du et janz schnell wieder zurückklacken. Klick-Klack! Janz schnell und janz sauber! Klick-Klack und offen bleibt die Tür! So iss det! Klick-Klack!“ Und als ich dann wissen wollte, wieso denn diese verschissene Tür immer zu sei, wenn das so einfach wäre, wurde ich ein zweites Mal über die Geflogenheiten meiner neuen Heimat unterrichten und kam wohl dieses Mal nach ca. 1 1/2 Jahren meines Einzuges dann doch noch richtig in der Nachbarschaft an.

„Hör mal, Alta! Det is Wedding! Hier jibt’s Leute, die haben´s nicht mehr nötig, auf die Strasse zu gehen!“ Strunzenvoll und bekifft ging ich noch an diesem Abend runter und schloss diese Scheißtür für immer auf! Klick-Klack! Janz schnell und janz sauber! Und das Graffiti im Hausflur hat dann später auch nicht weiter gestört. War sozusagen das fehlende visuelle Pendant zum Gestank! Ausgezogen bin ich dann später trotzdem.

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