Restmodern – Nachkriegsarchitektur im Wedding

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Parkhaus für die Mitarbeiter von Schering, Müllerstraße

Text: Elke Stamm | Fotografie: Andreas Muhs

In den Berliner Szene-Bezirken hat sich ein Hang zum Style der Nach-kriegsmoderne etabliert. Hier findet man Cafés und Second-Hand-Läden mit Möbeln, Lampen und Accessoires aus den Fifties, Sixties und Seventies, die mit augenzwinkernder Schrulligkeit eine nostalgische Stimmung verbreiten. Wie aber sieht es mit der Architektur dieser Zeit aus? Ist die oft geschmähte Epoche auch hier wieder en vogue? Zumindest gibt es mehr und mehr Künstler, die auf die Qualitäten der Nachkriegsarchitektur hinweisen.

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Oberstufenzentrum, Swinemünder Straße | Geschäft, Gerichtstraße

Der Architekturkritiker Oliver Elser und der Fotograf Andreas Muhs haben es sich zur Aufgabe gemacht, ein Verzeichnis der Nachkriegsarchitektur in Berlin anzulegen. Doch nicht die bekannten und bereits vielfach publizierten »Ikonen« dieser Epoche finden den Weg in ihr Archiv, sondern die ganz alltäglichen Gebäude, an denen man meist achtlos vorübergeht, die »unscheinbaren Schönen« und die »hässlichen Entlein« der Architektur.

Bei Regenwetter oder bewölktem Himmel fotografiert, werden diese dann auch völlig ungeschönt gezeigt. Dies geschieht mit einem dokumentarischen Ansatz, der in seiner schattenlosen Eindringlichkeit an die Sichtweise der bekannten Fotografen Bernd und Hilla Becher erinnert. Der Blick geht häufig ins Detail, zeigt Ausschnitte mit kompositorischer Kraft, die dem flüchtigen Betrachter sicher oft entgehen.

LICHT, LUFT UND SONNE

Ziel der Sammlung ist es, die Reste dieser durch Umbau oder Abriss bedrohten Zeit festzuhalten, bevor es zu spät ist – jedoch nicht in der Absicht, alles unter Denkmalschutz zu stellen. »Vieles sieht nur auf dem Foto gut aus, in der Realität gruselt es einen«, sagt Oliver Elser selbst. Vielmehr gehe es darum, den spezifischen Ausdruck der Zeit in seinem ganzen Reichtum an architektonischen Formen festzuhalten, und die Sicht auf die Bauten neu zu justieren: »Es ist das Typische der jeweiligen Epoche und gleichzeitig die heute oft schwer nachvollziehbare Eigenwilligkeit, mit der die Architekten damals dem allgemeinen Zeitgeschmack eine individuelle Signatur zu geben versuchten. Es kristallisieren sich Muster heraus, die zeittypisch, aber nicht unbedingt Berlin-spezifisch sind.«

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Wohnanlage, Graunstraße

Gerade die Architekten der Nachkriegszeit sind nach den Zerstörungen der Städte und der bestehenden Ordnung wieder mit großem Enthusiasmus ans Werk gegangen. Sie glaubten, mittels Architektur eine neue, bessere Welt zu schaffen, auch und vor allem sozial. Es war eine Zeit, in der Wohnraum knapp war, aber genügend Platz in den ausgebombten Städten vorhanden, um die ganz großen Utopien der Moderne zu realisieren. Die Bilder von »Metropolis« im Kopf und die Schrecken der Feuersbrünste noch vor Augen, die sich durch die dicht bebauten Häuserschluchten fressen konnten, wurden großzügige Planungen für eine autogerechte Stadt propagiert. Der Fortschrittsoptimismus war ungebrochen, das spätere Ausmaß der Motorisierung und deren Nachteile unvorstellbar. Die Ideale der Zwanzigerjahre, formuliert in der »Charta von Athen« – Licht, Luft, Sonne und bezahlbarer Wohnraum für alle und die Trennung von Wohnen und Arbeiten – mündeten letztlich in die Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus mit einer weitreichenden Standardisierung der Bauprozesse.

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Wohnkomplex an der Brunnenstraße

Die Architektur der Wirtschaftswunderjahre hebt sich bewusst von den monumentalen Bauten des Dritten Reiches ab und symbolisiert die wiedergewonnene Freiheit durch eine antihierarchische Formensprache. Auch der Fassadenschmuck, den wir heute liebevoll sanieren, galt damals als Symbol der Verlogenheit eines überkommenen Systems. Für das Abschlagen des Stucks wurden sogar Prämien gezahlt. Der eleganten Leichtigkeit der Fünfzigerjahre-Bauten mit den typischen Flugdächern und dynamisch geschwungenen Treppen im Inneren folgte die organische Architektur der Sechziger Jahre. Zugleich war vielfach der Einfluss des »Brutalismus« zu spüren, eines plastisch-körperhaften Architekturstils, der vom ruppigen Charme seiner Sichtbetonbauweise (Béton brut) geprägt ist. Dass die durch den Bau bedingten Unebenheiten und Abdrücke der Schalung dabei sichtbar gelassen wurden, ist als Ausdruck einer »konstruktiven Ehrlichkeit« zu verstehen.

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Vitrine Kleingärtner e. V., Stralsunderstraße

IRONIE DER GESCHICHTE

In den Siebziger Jahren geriet die Zerstörung historischer Bauten durch die damals übliche »Kahlschlagsanierung«, zumindest im Westteil der Stadt, ins Kreuzfeuer der Kritik – auch aufgrund der veränderten wirtschaftlichen Bedingungen in Folge der Ölkrise. Das städtebauliche Leitbild wandelte sich unter dem Einfluss der Bürgerproteste und zunehmender Hausbesetzungen grundlegend. Statt Abriss und Neubau wurden nun Bürgerbeteiligung und der Erhalt der gründerzeitlichen Stadt propagiert. Es entstand der Leitsatz der »behutsamen Stadterneuerung« für die Internationale Bauausstellung IBA im Westteil Berlins.

Wenig später wurde die »kompakte Stadt« sogar zum politischen Leitbild für die Planungen des wiedervereinigten Berlins erhoben. In der Architektur nach den postmodern geprägten Achtziger Jahren ist wieder eine verstärkte Tendenz zur Weiterentwicklung moderner räumlicher Qualitäten zu verzeichnen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass jetzt die Nachkriegsbauten selbst auf der Abrissliste stehen und teilweise gar durch historisierende Fassadenarchitektur ersetzt werden – oft trotz massiver Proteste der Fachwelt. Hieran zeigt sich, wie stark die Wertschätzung des baulichen Erbes dem jeweiligen Zeitgeschmack und dem Wissen um planerische Zusammenhänge unterliegt.

Die Abbildungen zeigen einige Weddinger Bauten aus der Sammlung, die im Internet unter www.restmodern.de zu sehen ist. Es ist eine Veröffentlichung als Fotobuch und Architekturführer geplant.

www.muhs.de

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