Der Kulturkiez des Herren

Kulturkiez-Illu

Text: Thilo Bock | Illustration: Axel Völcker

Von den Ausflügen eines Rastlosen

Es dämmert bereits, als ich nach längerer Wanderung den Leopoldplatz von Süden her erreiche. Hier beginnt der Kiez, von dem es heißt, »er schlafe niemals«, und wenn doch, dann nicht in einem gemachten Bett. Dabei ist dies ein tief religiöses Viertel. Ein Gotteshaus allein würde nicht ausreichen, weshalb man hinter die eine Nazarethkirche noch eine zweite Nazarethkirche gebaut hat, was in der Vergangenheit immer wieder zu misslungenen Kontaktaufnahmen Zugezogener mit Einheimischen geführt hat, weil sie vor der falschen Pforte gewartet haben.

Die meisten Straßen hier sind im Jahr 1888 nach Ereignissen und Personen des Spanischen Erbfolgekrieges benannt worden. So wurde der Leopoldplatz nach – so naheliegend, dass man beinahe nicht darauf kommt – Leopold I., Fürst von Anhalt-Dessau benannt, dem Erfinder des Gleichschrittes und des Spießrutenlaufes. Ziel seiner Kriegsführung war es, die bekämpften Landstriche mit einem Gestank zu überziehen, der sich hartnäckig in den Gardinen festsetzt.

Das Viertel ist geprägt von Internationalität und Heimweh: Das »Koreahaus« in der Nazarethkirchstraße wird vom Restaurant »Sarajewo«, welches pikante Balkanspezialitäten anbietet, lediglich durch ein »Call Home Institut« getrennt. Nach Hause telefonieren wollen sie hier alle.

Vorbei am »Turiner Darttreff« in der Turiner Straße passieren wir an der nächsten Ecke die »Taverne Hellas«, aus der das Licht noch auf den Gehsteig scheint. Leise tönt Musik heraus, die fremd und südländisch ist. Doch unser Weg führt uns weiter. Wir biegen links in die Utrechter Straße ab und kommen am »Salon des Herren« vorbei, einem weiteren Treffpunkt für religiös Motivierte: Im Schaufenster laden auf großen Bildtafeln wohlfrisierte Heilige zum Eintritt ein. Und nur ein Haus weiter pfeift ein von einem Eingang beschatteter Herr von imposanter Statur dem Wanderer nach. Eine beruhigende Liberalität liegt in der Abendluft. Die »Pichelstube« schließt leider bereits um 21 Uhr 30, aber nebenan im Internetcafé leuchten die grünen Lichter wohl einer langen Nacht des virtuellen Austausches entgegen. Wir kommen zur Müllerstraße, benannt nach den Betreibern der zahlreichen Mühlen, die damals an der rechten Seite der Straße vor sich hin mahlten und die Grundlage für das verdiente Wohl der braven Bevölkerung ausstaubten. Heute ist die Müllerstraße die Champs-Élysées des Weddings. Noble Boutiquen, lediglich nach den Anfangsbuchstaben der Besitzernamen benannt, locken des Nachts mit edlen Einzelstücken in prächtig illuminierten Schaufenstern.

Nun biegen wir in die Amsterdamer Straße ein. Das Haus mit der Nummer zwei beherbergt das berühmte Nagelstudio »Euro Nails«, das Feilarbeiten amerikanischen Stils anbietet – ein seltenes Beispiel für gelungene Globalisierung bis in die Fingerspitzen. Gegenüber befindet sich eine leere Apotheke, Mahnmal der strotzenden Gesundheit hier im Viertel, wo es niemand nötig hat, krank zu werden.

Am Ende der Amsterdamer Straße befindet sich das traditionsreiche »Mini-Kaufhaus Meyer«, das ein umfassendes Sortiment an Geschenkartikeln feilbietet. Wir sehen eine einhundertprozentige Kobaltvase für unschlagbare achtzehn Euro und einen im gleichen Material gehaltenen Teddybären für läppische fünf Euro. Der Wanderer bedauert, dass das »Mini-Kaufhaus Meyer« kein Spätkaufhaus Meyer ist, ist doch das hiesige Angebot weit über die Kiezgrenzen hinaus bekannt. So soll es hier ein umfangreiches Sortiment an Kneipierslederjacken geben. Nur wahre Liebhaber können den Sammlerwert erahnen, denn während man Wirte in anderen Regionen in ihrer Kneipenkluft beerdigt, werden im Wedding damit die Bestattungskosten beglichen, schon weil der nachgelassene Alkoholvorrat spätestens beim dritten Leichentrunk vernichtet wird. Weddinger Trinker trauern ausführlich um ihren Trankgeber. Es ist allerdings kein leichtes Unterfangen, einem toten Schankwirt die Lederjacke auszuziehen, weshalb diese Prozedur, die der Kiezälteste vornehmen muss, »Destillenhäutung« genannt wird.

Wir aber wenden uns nach rechts zur Malplaquetstraße, wo das Leben auch noch nach Einbruch der Dunkelheit tobt. Auf der Kreuzung spielen Kinder Fußball und dort, wo die Straße die Utrechter Straße kreuzt, sitzen fröhliche Menschen vor der alteingesessenen Nachtbäckerei. Hier befindet sich auch die zentrale Wasserstelle des Viertels. Tagsüber stehen an dieser historischen Pumpe Frauen und andere Arbeitslose aus dem Kiez Schlange, derartig frisches Wasser gibt in keiner PET-Flasche. Seit der letzten ökologischen Bezirksreform kommt im Wedding nämlich kein fließendes Wasser mehr aus der Wand, was ja, als Relikt gedankenloser Zeiten, ohnehin nur zur Verschwendung einlud. Wohlhabende Kiezbewohner werden von Lothar Meichelbeck in der Utrechter Straße mit Warmwassergeräten ausgestattet, um das Brunnenwasser nicht kalt nutzen zu müssen. Die anderen sind abgehärtet.

Aufgrund des mangelnden Wasseranschlusses sparen die Einwohner viel Geld, das sie dann in teure Telefonate gen alte Heimat investieren können oder in neue Frisuren oder Fingernägel, falls die alten abhandengekommen sind. Manche verspielen ihr ALG-II-Geld aber auch lieber beim Kartenspiel oder mit Sportwetten. Vor einiger Zeit hatte man hier im Kiez sogar zusammengelegt und ein eigenes Pferd erstanden, das aber dann auf dem Ritt nach Hoppegarten von Eingeborenen am Helmholtzplatz abgefangen und aufgegessen worden ist. Zu derartig barbarischen Handlungen würde es hier im Kiez niemals kommen, man ist schließlich kultiviert. Zahlreiche Sport- und Kulturvereine prägen das Straßenbild und bezeugen einen vielfältigen und anspruchsvollen Lebensstil. Und auch das Nachtleben offenbart Weltläufigkeit. Vieles muss an dieser Stelle unerwähnt bleiben. Zu gerne schwärmte ich noch von einer pittoresken Einrichtung wie dem »Engel Nightshop Express« in der Groninger Straße, wo man auch noch des Nachts Deutschlandfahnen erwerben kann.

Doch im milden Licht des Vollmondes, der den Kiez in sanfte Farben taucht, muss ich weiter gen Norden wandern, um mir im Schillerpark ein Bett für meine Träume zu suchen.

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