Die Schirmherrin der Müllerstraße

Regenschirmladen

Das Schirmfachgeschäft in der Müllerstraße 119

Text: Julia Boeck | Foto: Axel Völcker

Seit mehr als fünfzig Jahren schon trotzt das kleine Schirmfachgeschäft der stetigen Fluktuation an der Müllerstraße. Und noch immer besuchen stilbewußte Schirmträger aus der ganzen Stadt das einzigartige Geschäft, um hier seltene Modelle zu erstehen oder ihre Lieblingsstücke reparieren zu lassen.

Es regnet. Doch das ist ihr egal, denn sie braucht den Regen. Nicht fürs Geschäft, nein: „Oder gehen Sie etwa gern bei schlechtem Wetter einkaufen?“. Renate Metz (70) mag den grauen Himmel. Morgens – beim Aufstehen – hört sie den Wetterbericht im Radio, hört genau hin, wenn die Radiostimme sagt, wie viel Grad es tagsüber werden sollen. „Heute wohl sieben“, sagt sie, ihre Sätze sind kurz. 23 Jahre Schirmfachgeschäft lassen wenig Zeit für Schnörkeleien. Ihren Laden in der Müllerstraße hat sie all die Jahre allein geführt. Sie, die zierliche Frau mit den großen, vergoldeten Brillengläsern und der Bubikopf-Frisur. In einer Anzeige las sie vom Verkauf des Ladengeschäfts. 1985 war das, Pfingstsonntag. Frau Metz rief Herrn Lehmann an, den früheren Ladenbesitzer, und fragte nach: „Als ich von den Schirmen hörte, dachte ich, das ist nichts für mich.“ Doch Herr Lehmmann insistierte und fragte: „Sind Sie handwerklich begabt?“. War sie – und so stand die gelernte Hotelfachfrau bereits wenige Tage später im Geschäft – in ihrem Geschäft. Renate Metz wurde die Schirmherrin der Müllerstraße.

Ruckartig öffnet sich die Ladentür, nasskalt bläst der böige Novemberwind durch das Geschäft – über die Garderobe mit den bunten Regenmänteln, die Vitrine mit den Stockschirmen, Langschirmen und Knirpsen, über die gegenüberliegende Auswahl an Gehstöcken. Ein junger Mann, eingehüllt in einen marineblauen Wintermantel, auf der Nase eine schwarze Hornbrille, betritt den Laden, um einen Schirm zu kaufen. Jedoch nicht irgendeinen. Der Mann zieht den zerknüllten Zettel aus der Hosentasche und beschreibt das Modell. Frau Metz überlegt kurz: „Ach der Ranger!“. Flink greift sie in die Regenschirmvitrine und lässt den Knirps mit Holzgriff und schwarzem Bezug vor den Augen des Mannes auf und zu schnappen.

Nur vier Wochen hatte Herr Lehmann sie damals ins Schirmgeschäft eingearbeitet. Anschließend war sie für 10 Tage nach Zangenberg bei Osnabrück gefahren, um das Handwerk im Schirmverband zu erlernen. „Den Rest habe ich mir dann in Büchern angelesen“, sagt sie stolz, die Finger streichen zärtlich über das erweiterte Sortiment – die Kleinlederwaren. „Die verkaufe ich erst, seitdem die Lederwarengeschäfte aus der Umgebung dichtgemacht haben.“ 1996 begann das mit dem Leerstand in der Müllerstraße. Durch den Abbau der Berlinzulage, den staatlichen Zuschuss (8% des Bruttogehaltes) für alle in Westberlin beschäftigen Arbeitnehmer, verschwanden viele Fachgeschäfte in der Müllerstraße.

Renate Metz aber blieb, erweiterte ihr Angebot um einen Reparaturservice, denn gute Schirme werden repariert. So wie der Stockschirm von Maria Kramer. Die vornehme ältere Dame ist extra aus Steglitz gekommen, um den zur Reparatur abgegebenen Schirm, ein Modell mit orange-grünem Batikmuster, wieder abzuholen. „Wenn Sie wüßten, wie viele Jahre ich den jetzt habe“, die Kundin schaut auf ihren alten „Weggefährten“. Die Damen schwatzen ein wenig, man verabschiedet sich herzlich und Frau Kramer verschwindet im Regen.

Das Schirmfachgeschäft wird seit Januar 2009 von Rolf Lippke geführt.

Schirmfachgeschäft                                                                                                                                                                                                                                           Müllerstraße 119, 13349 Berlin                                                                                                                                                                                                                  Geöffnet Montag-Donnerstag, 10.00-18.00 Uhr

www.schirmmitcharme.de

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