Madenautomat

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Madenautomat im Angelshop Koss in der Tegelerstraße 25

Text: Heiko Werning  | Foto: Axel Völcker

Mit Berlinbesuchern ist das ja so eine Sache. Was soll man denen nur immer zeigen? Reichstag und Kuppel und so, alles schön und gut. Aber letztlich wollen sie dann ja doch immer „mal was Besonderes“ erleben. Zum Glück wohne ich im Wedding. Da ist das ganz einfach. Meine Besucher jedenfalls wollen alle immer nur das Eine sehen: den Madenautomaten in der Tegeler Straße.

An einer Hauswand hängt er dort, ein altes Gerät in leicht angegammeltem weißen Farbton, in der Bauweise alter Getränkedosenautomaten. In sechs Reihen sind kleine Fächer darin angeordnet, die von außen durch eine Glasscheibe eingesehen werden können. In diesen Fächern stehen Plastikdosen. Darüber prangt in großen schlichten Buchstaben lediglich ein Wort: „Maden“. Was gäbe es dazu auch sonst groß zu sagen? Es sind Maden drin, und wenn man einen Euro reinwirft, sind die Maden draußen. Dann hat man eine Schachtel Maden in der Hand. Das ist wahnsinnig praktisch, wenn man gerade mal welche braucht.„Was ist das denn?“, fragen die Gäste fassungslos, dabei steht es da doch unüberlesbar dran. Aber Touristen wollen ja immer alles ganz genau erklärt haben. Deshalb erläutere ich in ruhigem Tonfall: „Maden. Da drin sind Maden.“

„Das glaube ich nicht“, sagen sie und werfen eine Münze ein. Sie nehmen die Dose in die Hand, machen den Deckel auf und schauen ungläubig und entsetzt hinein: Im leicht klebrig feuchten Sägemehl tummeln sich gut 100 Maden, die munter herumkriechen, dabei gelegentlich ihr Köpfchen heben, oder wie immer die Seite mit den beiden schwarzen Punkten bei diesen Viechern heißen mag, vielleicht ist es auch der Schwanz, was weiß ich, jedenfalls heben sie lustig ihr eines Ende nach oben, lassen es ein wenig kreisen, vielleicht gucken sie sich um, und dann nehmen sie mit Schwung Anlauf und tauchen mit diesen seltsamen fortlaufenden Kontraktionswellen ihrer straff gespannten, ledernen Haut über dem prallen Körper wieder in ihr Sägemehl ein, wo sie so herumwühlen, dass drei Artgenossen an die Oberfläche gedrückt werden, die nun ebenfalls ihre Vorderhälfte nach oben recken, und das passiert überall in der Dose gleichzeitig – ein Bild, wie wenn Dutzende Maden den Betrachter frohgemut grüßen, bevor sie sich wieder in ihr Element vergraben. Der Besuch starrt immer noch entsetzt auf die Dose: „Das ist ja widerlich!“, hört man ihn sagen, und ich frage dann stets: „Aber warum hast Du sie dir dann gekauft!“

„Na hör mal, wer konnte denn ahnen, dass da Maden drin sind!“ Geduldig weise ich darauf hin, dass ich von einem Maden-Automaten berichtet habe, den er dann unbedingt sehen wollte, und auf dem in 10 cm hohen, gut lesbaren Buchstaben das Wort „Maden“ steht. Was er denn erwartet habe?

Der Besuch will es einfach nicht wahrhaben: „Aber … aber wer tut denn sowas?“

„Was?“

„Naja, wer zieht Maden aus einem Automaten?“

Langsam zweifle ich an seinem Verstand. Ich schaue ihn sehr ernst an: „Tja… Du zum Beispiel. Du hast eben Maden aus einem Automaten gezogen.“

„Ja, aber ich wollte doch gar keine!“ Er guckt mich dabei leicht gequält an. Ihm ist schon aufgefallen, dass er sich mit der Argumentation auf dünnem Eis bewegt. Ich schlage versöhnlichere Töne an: „Mein Gott, das ist doch wirklich nichts Besonderes! Das ist wie im Supermarkt mit den Regalen an der Kasse. Da sind auch nur so Sachen drin, die keiner wirklich haben will, und die Leute greifen dann einfach zu und schmeißen sie in ihren Einkaufswagen.“

„Ja, aber das sind ja auch keine Maden!“

„Nein.“

„Nein. Das sind Schokoriegel oder so.“

„Hättest du hier einen Euro reingeworfen, wenn dies ein Schokoriegel-Automat gewesen wäre?“

„Äh… nein. Wahrscheinlich nicht. Aber ich wollte ja auch keinen Schokoriegel.“

„Nein. Du wolltest Maden.“

„Ich wollte keine …!“ Er brüllt fast.

„Aber du hast Maden gekauft. Immerhin gut 100 Stück, würde ich schätzen.“

In den Augen des Besuchs steht ein großes, verzweifeltes Fragezeichen: „Warum?“

„Na ja, ich nehme an, weil die Leute hier nunmal Maden kaufen. Schokoriegel lohnen sich wahrscheinlich nicht. Vielleicht war das ja mal ein Schokoriegelautomat, aber alle werden ja immer gesundheitsbewusster und sparsamer, da kaufen sie keine Schokoriegel mehr oder nur noch bei Lidl, und der Besitzer hat sich nachts im Bett gewälzt und gefragt, was er bloß mit seinem Automaten anfangen soll, jetzt wo niemand mehr Schokoriegel kauft, er hatte doch schließlich die Investitionskosten und es war eine stete Einnahmequelle, irgendwas muss er schließlich verkaufen mit diesem Automaten, und dann hat er sich gesagt: Gut, dann nehme ich halt Maden. So was mögen die Leute hier sicher. Und siehe da, er hat Recht gehabt. So ist das, man muss mit dem Markt gehen. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Jeder, der hier zu Besuch ist, kauft eine Dose Maden, das ist doch eine super Geschäftsidee. Vielleicht ist das auch so eine Ich-AG, vielleicht ist da jemand zu seinem Fallmanager gegangen und hat gesagt: ´Schluss, ich will nicht mehr auf eine Jobvermittlung warten, ich mach mich jetzt selbstständig.´ ´Tja, was können Sie denn´, hat der Arbeitsvermittler dann nachdenklich gefragt, und derjenige hat stolz geantwortet: ´Ich kann Maden. Bin ich groß drin. Und die Leute werden sie mir aus den Händen reißen!´ Dann hat er eine Förderung bekommen, um sich einen alten Automaten kaufen zu können. Wahrscheinlich ist er neulich mit seinem goldenen Mercedes, den er sich von all den Maden hat zusammenschweißen lassen, beim Arbeitsamt vorgefahren und hat sich sehr bedankt.“

Mein Besuch zweifelt. Aber er mag jetzt auch nicht mehr darüber diskutieren. Er will in die Kneipe. Unterwegs will er die Plastikdose in eine Mülltonne werfen. Ich bin erschüttert. „Hey, das kannst Du doch nicht machen! Du kannst doch nicht einfach die Maden wegschmeißen.“

„Na ja, aber ich wollte sie doch gar nicht. Das war doch nur so ´ne Idee, die zu ziehen.“

„Aha, nur so ´ne Idee. Wie zu Weihnachten immer, da kaufen die Leute auch immer irgendwelche Tiere, Hunde oder Katzen, und dann binden sie die im Sommer, wenn sie in Urlaub fahren, an der nächstbesten Autobahnraststätte fest.“

„Ach komm, das ist doch was ganz anderes.“

„Ja, bei Hunden ist es nur einer.“

„Das sind doch nur Maden!“

„Ja, Maden. Fliegenwelpen sozusagen. Die haben ihr Leben noch vor sich. Du willst 100 kleine Kinderleben einfach auslöschen!“

Er sah mich ratlos an.

Ich gebe ihm einen Tipp: „Versuch halt, sie in der Kneipe an jemand anders zu verkaufen. Dann braucht der nachher in der Kälte nicht mehr bis zum Madenautomaten zu gehen.“

Er sah mich noch ratloser an. Als wir die Torfstraße einbogen, sahen wir eine tote Ratte auf dem Gehsteig. „Da! Das ist die Lösung!“, jubilierte mein Besuch, öffnete die Dose, und ganz vorsichtig ließ er die kleinen Maden hinauskrauchen. „Viel Glück!“, hauchte er ihnen zu. Zufrieden gingen wir in die Kneipe.

Ich stelle mir vor, wie der Besitzer des Madenautomaten überall in den Straßen des Weddings tote Ratten ausgelegt hat. Die kann er dann morgens alle abgehen und die Maden wieder einsammeln. Eine wirklich große Geschäftsidee. Da sage noch einer, am Standort Deutschland gebe es keine Innovationen mehr. Wer das glaubt, der begleite mich in die Tegeler Straße. Zum Madenautomaten. Ich zeige es jedem sehr gerne.

aus: Heiko Werning: “In Bed with Buddha. Ein episodischer Entwicklungsroman”, Edition Tiamat 2007.

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