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Text: Robert Rescue  |  Illustration: Andreas Hartung

Wer im Wedding wirtschaftlich Fuß fassen will, nennt sein Geschäft „Billig“ oder „Preiswert“ oder als Discounter „Aldi“ oder auch „Penny“, wobei „Penny“ deutlicher klingt als „Aldi“. Am besten gehen jedoch „Pfennigland“, „Fundgrube“, „Restposten“ und „Lagerverkauf“, am besten per Außenmikrophon ausgerufen, damit es jeder hört und angelaufen kommt:

„Hier, meine werten Damen und Herren, bieten wir ihnen erlesene Produkte zu sensationell günstigen Preisen. Kaufen sie hier ein, dann wird ihnen geholfen. Hier kostet alles nur 50 Cent, selbst die Artikel, die nicht so aussehen, als würden sie 50 Cent kosten, kosten 50 Cent. Darauf gebe ich Ihnen mein letztes Hemd, das ich gerade trage.“

Legendär ist das Kaufhaus, welches mal in der Utrechter Straße seine Türen öffnete und die Weddinger in Scharen anzog, was wohl an dem Namen lag – „Super-günstig-preiswert-billig-ansichumsonst“

Bei dieser Ladenbezeichnung, das kann sich jeder denken, ist dem Eigentümer kein wirtschaftlicher Erfolg vergönnt, was schließlich nach einer Woche durch eine plötzliche Geschäftsaufgabe, ohne Räumungsverkauf übrigens, auch geschah.

Geschäften, die nicht ausdrücklich einen Anspruch auf „billig“ erheben, bringt der Weddinger Misstrauen entgegen, in der Art, dass er solchen Geschäften aus dem Weg geht und diese handeln lässt, bis ihnen betriebswirtschaftlich die Puste ausgeht und sie durch große Schilder mit dem Aufdruck „Räumungsverkauf“ deutlich machen, dass sie sich geschlagen geben. Dann erst geht der Weddinger dort einkaufen.

„Liebling, ich glaube, du brauchst mal wieder neue Schuhe.“

„Ich denke auch, meine Süße. Ich habe gesehen, dass das Schuhgeschäft in der Müllerstraße für nächste Woche Räumungsverkauf zu Supergünstigen Preisen angekündigt hat. Da können wir dann mal hingehen.“

Es gibt allerdings mindestens ein Geschäft im Wedding, dass dem ganzen Preisdruck, dem ganzen „Ich mach auf billig“ und vor allem, jedem Ausverkauf trotzt – das Wohnmöbelgeschäft „Graetz Wohnstil“ in der Seestraße 98/Ecke Lüderitzstraße.

Unter dem Motto „Wohnstil“ wirbt es für exquisite Wohnmöbel, etwas, was im Wedding unbekannt ist.

Täglich gehe ich an dem Geschäft vorbei und denke mir einerseits, dass „Graetz“ ein virtuelles Abbild einer Möbelboutique vom Kurfürstendamm ist, das sich verirrt hat.

Andererseits erwische ich mich oft dabei, dass ich an dem Laden vorbeigehe und laut ausrufe: „Was solln ditte?“, was umgangssprachlich eine Kurzform darstellt von: „Ich kann nicht recht einsehen, warum es dieses Ladengeschäft ausgerechnet hier gibt, wo es doch Produkte vertreibt, für die Preise verlangt werden, die hier niemand bezahlen kann.“ Nenne ich also mal zwei Beispiele:

In einem der vielen Verkaufsräume steht ein Tisch aus zugegeben edlem, teuren Holz. Ansonsten ist er schmucklos und erscheint wie ein ganz normaler Tisch, an dem sich Essen oder Kartenspielen lässt. Das aber verbietet sich durch den Preis in Höhe von 2700 Euro. Direkt daneben steht ein Korbsessel, den äußerlich auch nichts ungewöhnlich macht, vielmehr erscheint er als etwas, für das ein Weddinger, wenn er denn Lust und/oder Bedarf an einem solchen Möbelstück hat, nach Tempelhof zu IKEA fährt, weil das schwedische Möbelhaus niemals einen Korbsessel für 590 Euro anbieten würde. Hat der Weddinger aber kein Geld für Neuware, dann läuft er um die Ecke, wo er bei einem der zahlreichen Wohnungsauflöser einen Tisch für 17 und einen Korbsessel für 19 Euro bekommt.

Neulich erzählte mir Gesine, gebürtige Weddingerin, dass es das Geschäft bereits gegeben habe, als sie noch in die Grundschule ging. Nun weiß ich Gesines Alter nicht genau, deshalb tippe ich mal, dass das Anfang der Achtziger Jahre gewesen sein muss. Solange kann sich kein Geschäft halten, wo sich den Tag über der Geschäftsführer in einem der hinteren Räume verschanzt und ich, trotz häufigen Vorbeigehens und Wunderns, noch nie einen Kunden gesehen habe.

Da sich diese im Wedding definitiv nicht finden, muss die Kundschaft von außen kommen. Das müssen dann irgendwelche Gutbetuchten aus Zehlendorf oder Charlottenburg sein, die sich Möbel nicht zur Nutzung, sondern zum Anschauen kaufen und die sich vielleicht einmal im Monat sagen: „So, jetzt fahre in den Wedding und kauf da einen neuen Sekretär, die anderen mag ich nämlich nicht mehr anschauen.“

Zum Schluss ein Hinweis auf eine Legende, die sich die Leute im Kiez erzählen, wenn sie sich im Gespräch über das merkwürdige Geschäft Lüderitzstraße/Ecke Seestraße wundern und von der zwei Versionen existieren.

Anfang der Achtziger Jahre soll der damals 22jährige, frischverheiratete Klempnergeselle Andreas Weierich an dem Geschäft vorbeigelaufen und auf die Idee gekommen sein, sich dort einen Tisch und einen Korbsessel zu kaufen, um damit seine neue Wohnung auszustatten. Angesichts der hohen Preise für beide Möbel entschloss er sich, solange zu sparen, bis er die Summe zusammen hatte.

Die eine Version der Legende behauptet, dass Andreas Weierich zwar eisern sparte, doch Anfang 2000, kurz bevor er die Summe zusammen hatte, dem Alkoholismus verfiel, seine Wohnung und Frau dadurch verlor und insgesamt in Grund und Boden abstürzte. Der Legende nach führt ihn sein Weg manchmal des Nachts durch die Lüderitzstraße, wo er dann stehen bleibt und die Fensterscheiben von „Graetz Wohnstil“ anbrüllt: „Irgendwann habe ich das Geld zusammen und dann komme ich wieder. Dann kaufe ich die Möbel und alles wird wieder gut.“

Die andere Version der Legende hat auch kein gutes Ende:

Da heißt es, Weierich hätte am 15. April 2005 das Geld zusammen gehabt und sei frohgemut zu „Graetz Wohnstil“ gelaufen, wo ihm der ominöse Besitzer des Ladens aber mitteilte, dass gerade eben ein Stammkunde aus Zehlendorf beide Möbelstücke aufgekauft hätte.

Daraufhin habe Andreas Weierich aus Gram sein Geld im nahegelegenen „Saray Dönerparadies“ in exakt 1316 Döner investiert, von denen er 73 zu verspeisen schaffte, bevor es ihn dahinraffte.

Nachtrag:

Ein halbes Jahr nach Fertigstellung dieses Textes schloss „Wohnmöbel Graetz“. Seitdem glaube ich, dass ich die Fähigkeit besitze, durch meine Texte die Existenz hiesiger Geschäfte beeinflussen zu können. Vor kurzem habe ich über ein Internet-Café in der Brüsseler Straße geschrieben. Vor drei Tagen hat es zugemacht. Das kann aber auch daran liegen, dass es nebendran noch zwei weitere Cafés gibt und drei sind definitiv zu viele für eine Straße.

Erschienen in: DER WEDDING – Ausgabe 01

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