Herr Moda nimmt Maß

Ein Porträt über den Weddinger Schneider Faris Moda aus der Amsterdamer Straße

von Hakan Baykal

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Der Schneider in seinem Geschäft in der Amsterdamer Straße, das er 1991 eröffnete.

„In ganz Wedding begegnet man vielleicht zehn Männern in Anzug und Krawatte.“ Faris Moda, d e r Schneider der Amsterdamer Straße, ist unzufrieden mit dem Erscheinungsbild seiner Mitbürger im Wedding. „Ein Mensch, der etwas auf sich hält, sollte auf seine Erscheinung achten. Tut er dies nicht, , wird ihn keiner anhören, wird ihn keiner beachten.“ Hier im Wedding hört man den Wenigsten zu.

Faris Moda kam 1951 in Mardin zur Welt. Im äußersten Osten der Türkei, dort wo das Land arabisch, kurdisch, fremd wird – und christlich. Moda ist assyrischer Christ. Und das ist nicht einfach in einem Land, das zwar die strenge Trennung von Religion und Staat propagiert, in dem aber bis heute Christen, Juden, Schiiten, Alewiten, Zoroastrier als „unvollkommen“ angesehen und behandelt werden. In der Schule, beim Militär, im Alltag. Wenn’s darauf ankommt sind Nichtmuslime plötzlich Fremde, ja Feinde. So ging es auch Herrn Moda (welch ein Name für einen Schneider!), der als junger Mann 1974 an der türkischen Invasion auf Zypern teilnahm – und sich von einem Offizier vor versammelter Truppe als christlicher Agent abgestempelt sah. Der Militärdienst in der Türkei ist nie einfach; als „Feind“ in den eigenen Reihen ist er noch schwieriger.

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Faris Moda im Alter von vier Jahren in der Schneiderei seines Vaters.

1976, mit 25 Jahren, zog Faris Moda die Konsequenzen. „Wir litten nicht Hunger, wir waren nicht arm, die Wirtschaft hat uns nicht aus der Heimat verdrängt – es war die Unterdrückung.“ So kam der Schneider nach Berlin. Acht Jahre lang arbeitete er für andere, 1984 eröffnete er den ersten eigenen Laden in Reinickendorf, sieben Jahre später das zweite Geschäft im Wedding in der Amsterdamer Straße. Da sitzt er heute noch und beobachtet die Parallelexistenzen in seinem Viertel – den Niedergang auf der einen Seite, das Blühen auf der anderen. Ersteres überwiegt. „Die Menschen hier werden immer ärmer. Sie haben keine Arbeit, kein Geld, keine Perspektive.“

Einst galt die benachbarte Müllerstraße als der „Kudamm des Nordens“. Da gab es Boutiquen, Parfümerien, sogar Maßschneider; da war Qualität. Heute sind diese Geschäfte längst geschlossen. Stattdessen gibt es Billig-Läden, Ramsch, Nippes und resignierte Männer, die morgens mit der Flasche Bier in der Hand ihren Tag beginnen. Ein Viertel am Abhang; es geht bergab. Doch, es gibt auch Anzeichen einer anderen, einer besseren Entwicklung. Hin und wieder näht der Änderungsschneider Faris Moda auch Maßanzüge für Kunden, die erkennen wie wichtig es ist, gut aufzutreten, um gesehen und gehört zu werden.

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