Udolph über Rudolph

Aus einem Email-Wechsel des Autors Frank Sorge mit dem Namensforscher Prof. Udolph über die Herkunft des Ortsnamens Wedding.


Lieber Prof. Udolph,

vielleicht erinnern Sie sich noch, vor drei Jahren haben Sie beim Ego-Googlen einen kleinen Text gefunden, in dem ich über die Bedeutung des Ortsnamens „Wedding“ spekulierte. Sie bestätigten eine der wüsten Annahmen und halfen mir mit weiteren Hinweisen. Hier die neueste Fassung, stimmt alles soweit?

Ihr Frank Sorge

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Der Wedding

Der Wedding beginnt vor achthundert Jahren mit einem Gut an der Panke, das ein Adliger aus der Umgebung Magdeburgs errichtete und das nach ihm benannt wurde: Rudolphus de Weddinge. Der erste Weddinger also, dessen Wappen auch das Wappen des Bezirks Wedding war, der geflügelte Pfeil auf rotem Grund. Der Bezirk existierte noch bis zur letzten Sekunde des vergangenen Jahrtausends und ist jetzt Ortsteil, Rudolphus Familie lebte wohl im Bördekreis, wo es die namensverwandten Orte Altenweddingen, Immen-, Langen-, Oster- und Westerweddingen gibt, allesamt dicht beisammen in der heutigen Gemeinde Sülzetal. 

Erstmalig urkundlich erwähnt wurde das „Dorf, das Weddinge hieß“ im Jahr 1251, als Spandauer Nonnen eine Mühle an der Panke kauften.

Das kleine Dorf war offenbar längst wieder eingegangen, die funktionstüchtige Mühle wurde jetzt verschachert und schon dreißig Jahre später übertrug Markgraf Otto den Hof komplett der Stadt Berlin, die das „Lehensgut und den mit dem Hofe auf dem Weddinge verbundenen Lehnstitel auf ewige Zeit“ eigentlich gar nicht haben wollte. Daher wucherte die Gegend im wesentlichen erstmal wieder zu und wurde trotz ewig geschworener Treue nach ein paar Jahrhunderten verkauft.

Es gibt nur sehr wenige Ortsnamen mit Artikel (z.B. „die Bronx“), beim Wedding wahrscheinlich nur, weil immer von der ersten Urkundenerwähnung abgeschrieben wurde, wo es noch um „den“ Hof Wedding ging, was aus dem Lateinischen mit Artikel übersetzt wurde. Seitdem ist von „dem“ Wedding die Rede, aber was bedeutet der Familienname, den Rudolphus eingeschleppt hat? Gibt es womöglich doch einen Zusammenhang zwischen dem englischen Wort für Hochzeit und dem Wedding? Aus dem germanischen Wort „wadjonanan“, das „bestätigen“ oder „sicher sein“ bedeutet, ist das englische „wedding“ geworden – im Deutschen aber interessanterweise die „Wette“. Sollte die Wortgeschichte generell unsere Skepsis zur Zweisamkeit erhöhen? War Rudolphus vielleicht spielsüchtig, oder die ganze Familie? Oder erwarben sich die Ur-Weddinger Ländereien üblicherweise über das Heiraten?

Oder gilt der Name im Ursprung doch einem biologischen Merkmal und hätte „Rudolphus die Wade“ beste Chancen, nachträglich zum historischen Hertha BSC Maskottchen erhoben zu werden? Ich möchte hier keinen Fan verwirren, aber „die“ Hertha feierte ihre größten Erfolge als Weddinger Fußballverein am Gesundbrunnen. Womöglich hat aber auch das althochdeutsche Wort „wadal“ Pate gestanden, das „arm“ und „bettelnd“ bedeutete. Aber wäre es wirklich schön, wenn schon der erste Weddinger „Rudolf der Bettler“ genannt werden muß?

Eine andere Möglichkeit bietet das germanische „waðila“, von dem auch „Watt“ und „waten“ abstammen, bzw. das lateinische „vadum“, das „Furt“ heißt. Ist es also der Name einer aufstrebenden Familie, die an einem Fluß gebaut und gelebt hat, vielleicht ähnlich der Panke und an einer seichten Stelle zum Hinübergehen?  

Meinen ersten Erklärungsversuche fand der Namensforscher Prof. Udolph im Internet und schickte mir neben weiteren Hinweisen das Ergebnis einer Ortsnamenübung an seinem Institut in Leipzig zu: „Wenn wir nun zu den Weddingen-Namen zurückkehren, so ist es am einfachsten, eine Verbindung zu Wedel, vadhil, hdt. waten (< germ. *wada) und Watt zu suchen, auf eine Grundform *Wadingi zu schließen und darin eine Bedeutung „Siedlung am Wasser“ zu sehen.“ Und damit, denke ich, ist das Rennen um die Bedeutung unseres Orts- und Magazinnamens entschieden.
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Hallo, Herr Sorge,

Der Artikel ist soweit in Ordnung, man müßte nur deutlicher herausarbeiten, daß es sich um die Übertragung eines Ortsnamens aus dem Magdeburger Raum nach Berlin handelt. Das hat zu tun mit der deutschen Ostsiedlung.
Die Deutung des Namens Wedding kann also nur von Weddingen aus erfolgen, und das ist ein schwieriges Ding. Aber es geht ungefähr in die Richtung, die Sie umrissen haben.

Freundliche Grüße
J. Udolph

Erschienen in: DER WEDDING – Ausgabe 01

Jürgen Udolph ist Sprachwissenschaftler und der einzige Professor für Namensforschung in Deutschland. Seit vielen Jahren erklärt er wochentags um 12 Uhr in der schönen Reihe „Numen, Nomen, Namen“ bei Radioeins die Nachnamen der Hörer.

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